Sport : Andacht und Vorfreude

Karsten Doneck

Das Spiel war gerade mal vier Minuten alt. Da hallte durch das Niedersachsenstadion ein Lied. "Nie mehr Zweite Liga - nie mehr, nie mehr", schmetterte der Chor, bestehend aus über 10 000 Menschen, in den vom Flutlicht erstrahlten Abendhimmel. Das Lied entartete nicht etwa zum Grölgesang, wie man ihn von angetrunkenen Fußballfans zur Genüge kennt, sondern es klang eher wie eine Hymne, vorgetragen voller Andacht und Vorfreude. Keine Frage: Hannover freut sich auf die Bundesliga. Die Roten, wie Hannover 96 ohne politischen Hintergrund, sondern der Trikotfarben wegen genannt wird, sind munter dabei, in Niedersachsens Kicker-Hierachie die Dinge wieder ins alte Lot zu rücken. Innerhalb der Landesgrenzen hat sich klammheimlich der VfL Wolfsburg zur ersten Fußball-Kraft gemausert. Ausgerechnet Hannover, die Landeshauptstadt, steht im Schatten des eher kleinstädtischen Wolfsburg.

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Nicht mehr lange? Mit dem 3:2-Sieg über den 1. FC Union am Donnerstagabend hat "96" noch vor der Winterpause die Tabellenspitze der Zweiten Liga erklommen, die Mannschaft blieb in allen bisherigen 18 Saisonspielen ungeschlagen, hat zehn Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. "Wir haben", zieht Trainer Ralf Rangnick Bilanz, "die ganze Hinrunde über recht selbstbewusst gespielt." Martin Kind, der Präsident, spricht gar von der "besten Vorrunde, die ich in diesem Verein erlebt habe". Für den ersten Mann im Klub haben die Erfolge "für eine Aufbruchstimmung in der Stadt und in der Region gesorgt".

Vom Publikumszuspruch her ist Hannover der Krösus. 18 595 Zuschauer kamen im Durchschnitt zu den bisherigen zehn Heimspielen. Es ist wie bei einem Puzzle: Ein Teilchen fügt sich nahtlos ans andere. Da strebt Hannover 96 nach 13-jährigem Tauchgang in den Ligen zwei und drei machtvoll die Rückkehr in die Erstklassigkeit an, und just segnet Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg nach langem Hin und Her den Umbau des Niedersachsenstadions in eine Arena ab, die WM-tauglich für 2006 ist. Anno 2005 soll der Bau fertig sein.

Die Hannoveraner haben auch das richtige Augenmaß bei ihrer Einkaufspolitik gefunden. Da ist zum Beispiel Jan Simak. Den holte sich der Klub für 500 000 Mark Ablöse von Chmel Blasny. Inzwischen stehen bei dem tschechischen Mittelfeldspieler - trotz dessen unsoliden Lebenswandels - die Erstligaklubs Schlange, auch Hertha BSC reiht sich da ein. Simak kostet jetzt jedoch rund zehn Millionen Mark Ablöse. Oder mehr. Sein Vertrag bei "96" läuft noch bis zum Jahr 2005. Ralf Rangnicks Wunsch ("Wenn wir wirklich aufsteigen sollten, werden wir Jan auf keinen Fall verkaufen") wird wohl irgendwann unter dem Druck der gebotenen Millionen beerdigt werden.

Mitten hinein in die Erfolgsstory der "96er" platzte eine unliebsame Personalie, bei der Franz Gerber als böser Bube dasteht. Der Sportdirektor hat sich nebenbei als Berater für Nationalspieler Sebastian Kehl (SC Freiburg) bei dessen unrühmlichem Wechselpoker zwischen Borussia Dortmund und Bayern München betätigt - unerlaubt, wie die Klubführung meint. Nun wird Hannover den Sportdirektor wohl feuern. Klar, im gegenseitigen Einvernehmen. So eine Sache darf die Harmonie nicht stören.

Ralf Rangnick hat da ganz andere Sorgen. Wie soll er die hohe Erwartungshaltung der Hannoveraner halbwegs im Zaum halten? Da stellte doch selbst Georgi Wassilew, der Trainer des 1. FC Union, nach der 2:3-Niederlage seiner Elf fest: "Hannover 96 steht vor einer guten Zukunft, ich wünsche dem Verein alles Gute in der Ersten Liga." Bei solchen Äußerungen wirkt Rangnick dann schon eher peinlich berührt. "Die Beispiele des 1. FC Nürnberg und von Borussia Mönchengladbach in der vorigen Saison haben doch gezeigt: Je weniger die Spiele werden, desto mehr wird gerechnet, soundsoviele Punkte brauchen wir noch. Und dann sind gerade das ja die ganz, ganz schweren Spiele, in die man nicht mehr so unbelastet reingeht", sagt Rangnick. Nur, auch er weiß natürlich: Nürnberg und Mönchengladbach haben trotzdem den Aufstieg geschafft. Warum sollte Hannover 96 da nicht nachziehen?

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