Sport : Anfang mit Tränen

Trotz erdrückender Überlegenheit verliert Gastgeber Schweiz das Auftaktspiel 0:1 gegen Tschechien – und auch noch Kapitän Alexander Frei

Sven Goldmann[Basel]

Einen Tag erst ist die Fußball-Europameisterschaft alt und hat schon ihre ersten Helden. Einen klassischen und einen tragischen. Der Tscheche Vaclav Sverkos erzielte in der siebzigsten Minute des Eröffnungsspiels das Tor zum 1:0 (0:0)-Sieg über die Schweiz vor 42 500 Zuschauern im Basler St. Jakob-Park. Der 24 Jahre alte Stürmer von Banik Ostrava, Torschützenkönig der tschechischen Liga, war erst dreizehn Minuten zuvor für Jan Koller eingewechselt worden. Der tragische Held spielte zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr mit. Alexander Frei, Kapitän der Schweiz, ging kurz vor der Pause weinend vom Platz. Nach einer ersten Diagnose erlitt er einen Teilabriss des Innenbandes im linken Knie – für ihn ist die EM damit wohl schon zu Ende.

Für einen winzigen Augenblick kreuzten sich die Wege der beiden so ungleichen Hauptdarsteller dieses ersten Spiels der EM. Unmittelbar vor Sverkos’ entscheidendem Tor kam Frei an Krücken aus der Kabine. Er musste mit ansehen, wie die Tschechen einen Konter abfingen, wie Galaseks Kopfballvorlage Sverkos fand. Der lief noch ein paar Meter und schoss, traf den Ball nicht mal richtig und bugsierte ihn doch am machtlosen Torhüter Diego Benaglio vorbei. Was für ein Auftritt des in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC gescheiterten Sverkos.

Und was für eine tragische Niederlage für die großartigen Schweizer, die das Spiel über weite Strecken dominiert hatten. „Dieses Spiel müssen wir jetzt so schnell wie möglich abhaken“, sagte Trainer Jakob Kuhn. „Portugal hat vor vier Jahren auch das erste Spiel verloren und ist noch bis ins Finale gekommen.“ Auch Tschechiens Torschütze Sverkos sprach von einem „glücklichen Sieg, denn die Schweizer waren heute besser als wir“. Sein Trainer Karel Brückner fügte an, im nächsten Spiel gegen Portugal müsse und werde seine Mannschaft „ein bisschen mutiger spielen“.

Es war, frühere Auftaktspiele zum Maßstab genommen, eine überraschend gutklassige Auseinandersetzung mit wenigen Fehlern und hohem Tempo. Und dafür sorgte fast ausschließlich der Außenseiter aus der Schweiz, oft in der Person von Alexander Frei. Bis zu seiner Verletzung war der Dortmunder der beste Mann auf dem Platz. Schnell, trickreich und torgefährlich. Einmal hätte er den Ball um ein Haar zur Führung ins Tor gespitzelt, doch Petr Cech bekam gerade noch den Fuß dazwischen. Freis zweiter Schuss kam so hart angeflogen, dass der tschechische Torhüter gar nicht erst den Versuch machte, den Ball zu fangen und ihn lieber mit beiden Fäusten zur Seite boxte.

Die erste Halbzeit war fast schon vorbei, da geschah das Unglück. Zwischen Strafraum und Mittellinie prallte Frei mit Zdenek Grygera zusammen. Nichts Böses, eher ein zufälliger Kontakt, aber mit schwerwiegende Folgen für den Schweizer. Grygera traf ihn am Knöchel, doch in der darauf folgenden Sturzbewegung verdrehte sich Frei das linke Knie. Für eine dramatisch lange Minute blieb er liegen und trommelte immer wieder mit den Fäusten auf den Rasen. Trainer Kuhn verzichtete zunächst auf einen Wechsel, doch als er sah, wie Frei weinend und gestützt auf zwei Helfer in die Kabine humpelte, da wusste er, dass die EM für seinen Kapitän wohl gelaufen war.

Fußballspieler haben im Allgemeinen ein gutes Gespür für ihren Körper. Frei hat es im Besonderen, weil er in dieser Saison für seinen Klub Borussia Dortmund verletzungsbedingt kaum hat spielen können. Erst war es eine Hüftprellung, dann folgte gleich zweimal ein Muskelfaserriss in der Wade, jetzt ist es das Knie. Und das bei seinem ersten großen Turnier als Kapitän, noch dazu beim ersten großen Fußball-Ereignis in der Schweiz seit 1954. Zudem traf ihn der erneute Rückschlag ausgerechnet in seiner Heimatstadt. Alexander Frei ist gebürtiger Basler.

Es spricht für die Moral der Schweizer, dass sie auch nach dem Verlust ihres besten Spielers weiter wütend anrannten. Der für Frei eingewechselte Hakan Yakin köpfte nach einer Flanke knapp am Tor vorbei, und später, als die Tschechen schon führten, hätte der zweite Schweizer Joker noch zum Helden werden können. Doch Johan Vonlanthen drosch den Ball aus zehn Metern an die Latte. Cech lag schon geschlagen am Boden.

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