Arminia Bielefeld : Dauerkarte auf der dunklen Seite des Mondes

Herthas heutiger Gegner Arminia Bielefeld richtet sich selbst zugrunde – und plant wohl bereits mit dem Abstieg aus der Zweiten Bundesliga.

Olaf Bentkämper[Bielefeld]
Leere Tribüne, leerer Blick. Bielefelds Kevin Schöneberg allein auf der Alm. 
Leere Tribüne, leerer Blick. Bielefelds Kevin Schöneberg allein auf der Alm. Foto: dpa

Früher war wirklich alles besser. Früher saß man auf der alten Haupttribüne der Alm und konnte, wenn auf dem Rasen gerade nicht viel passierte, den Blick über die baufällige alte Stehplatztribüne hinweg über die Dächer von Bielefeld und den Teutoburger Wald schweifen lassen. Lediglich das hässliche Hochhaus, das die Telekom einst am ebenso hässlichen Kesselbrink-Platz errichten ließ, störte das Gesamtbild. Die baufällige alte Stehplatztribüne ist inzwischen fort. An ihrer Stelle prangt mittlerweile die alles überragende, so genannte neue Haupttribüne, die vor einigen Jahren hochgezogen wurde, um die Konkurrenzfähigkeit des damaligen Bundesligisten Arminia Bielefeld zu sichern.

Doch die Tribüne bietet einen traurigen Anblick, denn in der Regel sind ihre Sitztraversen so dicht bevölkert wie eine Steinwüste auf der dunklen Seite des Mondes. Dass wohl auch am heutigen Sonntag gegen Hertha BSC, den Tabellenführer der Zweiten Bundesliga, mehrere Tausend Sitzschalen leer bleiben werden, zeugt nicht gerade von Begeisterungsfähigkeit. Doch ist dies noch das geringste Problem des abgeschlagenen Tabellenletzten. Die Probleme begannen schon viel früher.

In der Saison 2009/2010, der Klub hatte sich soeben nach fünf mehr oder weniger schönen Jahren aus der Ersten Liga verabschiedet, wurden für das kurz zuvor mit viel Brimborium eingeweihte neue Schmuckstück der Alm ganze vier Dauerkarten abgesetzt. Was damals kaum jemand ahnte und erst Recht niemand zugeben wollte, war, dass sich der Verein bei der Finanzierung des Baus gewaltig verhoben hatte und stets von einer deutlich besseren Auslastung sowie einem mittelfristigen Verbleib der Arminia in Liga eins ausgegangen war. Die Freistellung des Finanzgeschäftsführers Roland Kentsch, der den Bau der neuen Tribüne vorangetrieben und die überhöhten Preise stets verteidigt hatte, war das erste Anzeichen einer tiefen Krise, die weit über den sportlichen Bereich hinausging. Im Frühjahr 2010 dann informierten die Verantwortlichen die fassungslose Bielefelder Öffentlichkeit und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) über das ganze Ausmaß der wirtschaftlichen Misere. Den Klub plagten Schulden im zweistelligen Millionenbereich, welche die Existenz des Traditionsvereins in Frage stellte. Spätestens nach einem Abzug von vier Punkten war klar, dass der direkte Wiederaufstieg nicht gelingen würde.

Es folgten Monate zwischen Hoffen und Bangen, in denen die Arminia, angeführt von einem neuen Präsidenten und einem neuen Vorstand, lange Zeit vergeblich versuchte, die drohende Insolvenz abzuwehren. Erst in letzter Sekunde erklärten sich führende Vertreter der ostwestfälischen Wirtschaft bereit, die nötige Summe aufzubringen, um das Lizenzierungsverfahren für die Zweite Liga noch zu einem positiven Abschluss zu bringen.

Seither ist Sparen angesagt, und zwar auf allen Ebenen. Zahlreiche Leistungsträger mussten gehen und dem im Sommer als Hoffnungsträger verpflichteten Christian Ziege fiel die undankbare Aufgabe zu, mit mehr als bescheidenen Mitteln eine Mannschaft zu formen, die zumindest um Platz 15 mitspielen könnte. Es ist im Nachhinein schwer zu sagen, ob dem gebürtigen Berliner das Kleingeld oder aber die Expertise fehlte, jedenfalls gelang es seinem Team nur selten, sich nur annähernd konkurrenzfähig zu präsentieren. Niederlagen waren in der Regel bereits nach einer Viertelstunde und zwei Gegentoren besiegelt und vermutlich hätte die Mannschaft sogar Schwierigkeiten gehabt, in der Dritten Liga zu bestehen.

Seit November nun ist Ewald Lienen Trainer bei den Ostwestfalen. Mit mehr als einem halben Dutzend Neuzugängen ist es dem 57-Jährigen, der aus der Region stammt und früher selbst in der Bundesliga für die Arminia spielte, gelungen, die Qualität der Mannschaft deutlich zu erhöhen. Ob das reicht, um das vollmundig ausgegebene und etwas wahnwitzig erscheinende Ziel von 30 Punkten in der Rückrunde zu erreichen, ist indes fraglich. Intern glaubt ohnehin niemand so recht daran, dass die „größte Aufholjagd aller Zeiten“ wirklich zu schaffen ist. Vielmehr lautet das inoffizielle Motto, sich möglichst würdevoll aus der Zweiten Liga zu verabschieden. Was danach kommt, steht in den Sternen, denn das nächste Lizenzierungsverfahren kommt bestimmt und wie man hört, wird es eher noch schwieriger als im Vorjahr. Arminia verabschiedet sich, aber die Schulden sind noch da. Und die neue Haupttribüne bleibt leer.

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