Sport : Arrogant und erfolglos

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Von Helmut Schümann

Incheon. Wahrscheinlich hatten sie es gut gemeint, die Männer von der Fifa-Kommission. Die wählen nach jedem Spiel den Spieler des Spiels. Diesmal hatten sie einen Verlierer erkoren, einen, dem dieser Titel schnurzegal sein dürfte, schlimmer noch, der ihn als Hohn empfinden muss. Zinedine Zidane, Frankreichs Superstar, war nicht Man of the Match, allenfalls war er der tragischste Mann des Spiels. Auch Zinedine Zidane hatte nicht verhindern können, dass die Franzosen 0:2 gegen Dänemark verloren haben. Frankreich ist raus. Der Weltmeister, der Titelverteidiger. Ausgeschieden schon nach der Vorrunde. Dergleichen ist zuletzt den Brasilianern widerfahren, 1966. Aber die hatten immerhin ein Spiel gewonnen und vier Tore erzielt. Frankreich 2002: 0:1 gegen Senegal, 0:0 gegen Uruguay, 0:2 gegen Dänemark, ein Punkt, kein Tor. Welch eine Blamage.

Es lag nicht an Zinedine Zidane, es lag nicht an diesem Spiel gegen die Dänen. Das sagte nachher auch Verteidiger Bixente Lizarazu vom FC Bayern München: „Wir haben nicht heute verloren. Es hat viel bei uns gefehlt.“ Zidane hat zwei Spiele gefehlt, weil vor zwei Wochen im freundschaftlichen Vorbereitungstest gegen den WM-Gastgeber Südkorea die Fasern seines Muskels rissen. Nun war er wieder dabei gewesen, und doch hatte viel gefehlt.

Eng waren sie zusammengerückt, als die Hymnen erklangen, Arm in Arm standen sie da, das sah nach ernster Entschlossenheit aus, den versauten WM-Start noch zu korrigieren mit einem Sieg über die Dänen. Doch, wenn das Fleisch nicht willig ist.

Vielleicht hatten sie sich zu sehr auf Zidane konzentriert, vielleicht hatten sie zu sehr daran geglaubt, dass er nur anwesend sein müsse und Kraft und Herrlichkeit des Weltmeister ströme von selbst in Beine, Köpfe und Herzen. Dem war nicht so. Was etwa war in Christophe Dugarry geströmt, als er Stig Töfting schon in der neunten Minuten den Ball beim Einwurf aus den Händen riss und dafür Gelb sah? Nichts Gutes auf jeden Fall. Dugarry spielte in der Folge, als befinde er sich auf der Wiese eines Freibades, lässig und locker, als führten die Franzosen schon 4:0. Was war in Trézeguet gefahren, als er freigespielt von Zidane schoss statt abzugeben? Übereifer? Der eher nicht. Eher behäbig trabte der Weltmeister über den Platz, allein Zidane versuchte die Trikolore hochzuhalten, hatte auch fast Erfolg mit einem Heber, der knapp am Kreuzeck vorbeistrich.

Oder hatten sie gedacht, die Dänen würden verzichten? Die hatten eigens auf ihren Abwehrrecken Jan Heintze verzichtet, obwohl der doch prima gepasst hätte zur Spielweise Frankreichs – Heintze wird im nächsten Jahr 40. Aufgetreten waren sie, wie ihnen das französische Beobachter seit einiger Zeit bescheinigen, mit ungehöriger Arroganz. Nur für ein paar Minuten vor der Pause hatte man den Eindruck, dass Widerstand versucht werden sollte, aber da führten die Dänen schon 1:0 durch ein schönes Tor von Rommedahl nach Flanke von Stig Töfting.

Es gab dann noch eine Phase im zweiten Abschnitt, in der die Franzosen spielten, als habe ihnen jemand in der Pause gesagt, dass es nun aber langsam eng werden würde. Das war, als Desailly nach einem Eckball von Zidane nur die Latte traf und Trézeguet ebenfalls. Dessen Schuss knallte unter die Unterkante und sprang ins Feld zurück. Erst hat man kein Glück, dann kommt auch noch Pech dazu? Ach was, da führten die Dänen schon 2:0, weil Desailly nach einem Pass von Gronkjaer von Jon-Dahl Tomasson festgehalten wurde und ausrutschte. Der Däne lief weiter und schoss sein viertes WM-Tor.

So einfach ging das gegen die Franzosen. Das war der Abschied eines großen Meisters, ein bisschen wehmütig und ein bisschen schmerzhaft war er. Die Mannschaft ist in Teilen in die Jahre gekommen, Leboeuf hat seinen Rücktritt bereits verkündet, erwartet wird, dass Desailly nachzieht, Lizarazu vielleicht, der gesperrte Petit wohl auch. Und der Trainer Roger Lemerre, ohnehin wegen gewaltiger Hochnäsigkeit wenig beliebt? Der steht zur Diskussion. Zidane nicht, der marschierte traurig ab. Derweil stand Stig Töfting draußen , umgezogen, mit Zigarette in der Hand. Töfting war bester Mann auf dem Platz gewesen, weswegen ihm das Schlusswort zu Frankreichs Abgesang im Allgemeinen und zu Zidane im Besonderen gebührt: „Er hat es genommen wie ein Mann.“

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