Sport : Auch nach dem Aus keine Zeit für Urlaub

JÖRG ALLMEROTH

NEW YORK .Es war ein Ende mit Schmerzen, aber ohne Tränen und Verbitterung."Diese Niederlage wirft mich nicht um", sagte Steffi Graf nach ihrem 1:6, 6:2, 3:6-Halbfinal-Aus bei der Damentennis-Weltmeisterschaft gegen die Weltranglistenerste Lindsay Davenport, "Ich bin stolz und glücklich, was ich hier geleistet habe".Nur noch "aus dem Unterbewußtsein gesteuert", rettete sich die Rückkehrerin mit einer Oberschenkelzerrung und blutigen Blasen unter den Füßen gerade eben in ein reguläres Ende der Vorschlußrunden-Partie.

Die enorme Arbeitsbelastung der letzten Wochen forderte schließlich beim großen Saisonfinale doch noch ihren Tribut: Im 13.Masters-Jahr war das aktuell 13.Spiel in knapp drei Wochen einerbemerkenswerten Comeback-Kampagne zuviel des Guten für die restlos erschöpfte Steffi Graf.Gegen den Streik ihres Körpers konnte die Brühlerin nichts mehr ausrichten."Steffi war total leer, da ging nichts mehr", meinte Manager Hans Engert.

Doch die gewöhnlich äußerst selbstkritische Brühlerin schloß schnell ihren Frieden mit dem Fehlschlag im Madison Square Garden: "Ich weiß, daß ich normalerweise viel besser Tennis spielen kann", sagte Steffi Graf, "es lag nur daran, daß ich so unendlich müde war".Über das augenblickliche "Gemisch aus ein bißchen Enttäuschung und viel Zufriedenheit" hinaus aber sah die 29jährige die Anstrengungen der letzten drei Wochen durchaus mit "großem Stolz": "Das ist eine große Genugtuung für mich".Die erfolgreiche Schlußoffensive in einer lange Zeit von Verletzungen und sportlichen Enttäuschungen geprägten Spielzeit, beschrieb die die 21malige Grand-Slam-Siegerin zunächst kurz und knapp mit einem Wort: "Unbeschreiblich".Noch vor einem Monat habe sie sich "nicht im entferntesten träumen lassen", in einem Weltmeisterschafts-Halbfinale zu stehen.So konnte die "Comeback-Königin" die übliche Strenge im Selbsturteil vergessen und Nachsicht über den Halbfinal-Knockout walten lassen: "Vorwerfen kann ich mir wirklich nichts, ich habe das Optimum herausgeholt".

Die an ihrem Leistungslimit spielende Deutsche durfte mit einem Seitenblick auch den öffentlichen Respekt genießen, der ihren Auftritt im berühmten Madison Square Garden bis zur allerletzten Sekunde begleitete.Als "eigentliche Masters-Hauptattraktion" bezeichnete das lokale Blatt "Newsday" die Fast-Dreissigerin, "da ist es ganz egal, wer das Turnier gewinnt".Amerikas Tennis-Papst Bud Collins, der seit Jahrzehnten vom Tennis berichtet, verneigte sich als Kommentator beim Sender ESPN vor der Rückkehrerin: "Danke für dieses großartige und wunderbare Comeback, Steffi".

Was allerdings im kommenden Spieljahr von ihr zu erwarten sei, darüber wollte sich die vorsichtig gewordene Nummer zehn der heute erscheinenden Weltrangliste nicht auslassen.Das "Herumdeuteln in der Zukunft" habe sie sich "ein für allemal abgeschminkt", sagte Steffi Graf, "ich wünsche mir am sehnlichsten, daß ich verletzungsfrei bleibe".Immerhin äußerte ihr Trainer Heinz Günthardt die Hoffnung, "daß Steffi ohne Blessuren von ganz allein wieder für Erfolge in Frage kommt".Die kommenden Monate werden in jedem Fall von hektischer Betriebsamkeit geprägt.Von vorweihnachtlicher Besinnung und Ruhe ist keine Spur: "Ich habe bis zum neuen Jahr kaum Platz in meinem Terminkalender", sagte Steffi Graf.Außer zwei Schaukämpfen gegen Jana Novotna (am Dienstag in Baltimore) und gegen Anna Kurnikowa (nächste Woche in Köln) muß Steffi Graf auch noch ihre professionellen Verpflichtungen für die Sponsoren erledigen: Werbefilmchen, Fotoaufnahmen, geschäftliche Meetings.Die eigentlich verdienten Ferien hat die 29jährige "längst gestrichen", denn nach dem für die vergangene Woche geplanten, dann aber geplatzten Urlaubsaufenthalt in der Karibik ist nun keine freie Zeit mehr verblieben.Die Trauer darüber hielt sich freilich in Grenzen, "denn daß ich in New York mitspielen durfte", so Steffi Graf, "das war mir ungeheuer wichtig".Immerhin habe sie auch beim Masters festgestellt, "daß ich zurück in der Weltspitze bin und in diesen Topspielen auch wieder eine gewisse Wettkampfhärte habe".Erst gegen Lindsay Davenport mußte sich die bis dahin alle Schwierigkeiten überwindende Brühlerin dem Diktat ihres Körpers beugen.Das vierte Spiel über drei Sätze in sechs Tagen, das Philadelphia-Finale eingeschlossen, war einfach zuviel für die physisch und psychisch abgespannte Hauptdarstellerin.Den 0:1-Satzrückstand nach 23 Minuten konnte Steffi Graf zwar noch einmal ausgleichen, weil auch Lindsay Davenport in diesem Halbfinale eher am unteren Level ihrer Möglichkeiten spielte.Doch in Reichweite des Finaleinzugs versagte der Körper plötzlich seinen Dienst, beim Stande von 3:2 in Satz drei durchzuckte ein "stechender Schmerz" den rechten Oberschenkel, die gefürchtete Zerrung war da.Das Masters-Aus war zu diesem Zeitpunkt besiegelt.Doch die höchste Anerkennung ihres Trainers Heinz Günthardt hatte sich Steffi Graf gleichwohl verdient: "Diese drei Wochen im November mit den Turniersiegen in Leipzig und Philadelphia und dem Masters-Halbfinale waren einfach sensationell.Da hat Steffi sich wieder einmal selbst übertroffen".Was schwer genug ist.

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