Sport : Auf den Brettern

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Von Oliver Trust

Nürnberg. Reiner Calmund klang, als halte er eine Grabrede. Die Augen feucht, der Blick melancholisch verwässert, und die Tonlage glich einem wehmütigen Flüstern. „Wir stehen wieder auf“, sagte er. „Wir greifen noch einmal voll an." Der dicke Mann aus Leverkusen kämpfte mit den Gefühlen, die sich wild im Kreise drehten und sah trotzdem aus wie ein Häufchen Elend. Überall prasselte Mitleid auf ihn und seine Mannen herab. Warmer Beifall brandete auf, wenn er einen Raum betrat. Und er griff mit betretenem Gesicht in seiner Not zu einer Art Überlebensstrategie für aussichtslose Momente: Er lobte alles, was nur im Entferntesten mit Leverkusen zu tun hatte. „Wir haben den besten Fußball gespielt, die Fans waren super, Hut ab, was der Trainer geleistet hat." So ähnlich hat er vor zwei Jahren geklungen als Bayer in Unterhaching den Titel am letzten Spieltag an die Konkurrenz herschenkte.

Diesmal fand das Drama um den TSV Bayer 04 Leverkusen im Frankenstadion zu Nürnberg statt. Der Club rettete sich durch diesen nicht unverdienten 1:0-Sieg vorzeitig, Leverkusen aber verlor die Tabellenführung und wohl auch die sehnsüchtig gewünschte erste Meisterschaft der Klubgeschichte.

Kurz vor halb sieben setzten sich die Räder des Leverkusener Mannschaftsbusses langsam in Bewegung. Mit im Gepäck Tonnen von Frust und Enttäuschung und eine großer Sack voller Fragezeichen. Wie konnte das passieren? Warum? Wieso? Es gab in den letzten Jahren kaum eine Mannschaft in der Bundesliga, der das ganze Land so sehr den Titel wünschte. „Wenn man nur 45 Minuten Fußball spielt, kann man nicht gewinnen“, sagte Jens Nowotny und schloss sich dem Schweigemarsch der Kollegen an. „Ich sage heute nichts“, sagte Michael Ballack und verschwand. Aus dem VIP-Raum trugen sie vier Pils in die Kabine der Verlierer.

Im Kabinengang stand mitten im Durchzug Trainer Klaus Toppmöller, seine Krawatte hing wie an einem Trauertag schlaff über dem Hemd. „Es sollte nicht sein“, stammelte er. „Wir sind überhaupt nicht in die Zweikämpfe gekommen. Kraft und Spritzigkeit haben gefehlt." Und Manager Calmund erinnerte „an die vielen englischen Wochen, die wir seit September spielen. Die zweite Halbzeit hier in Nürnberg, das war nur noch ein Rutschen auf den Knien, wir waren auf den Brettern."

Seltsam phlegmatisch wirkten sie, überraschend verunsichert und fast ängstlich. Ganz anders als beim Triumphzug letzten Mittwoch, als sie Manchester United vorführten. So viele Rückpässe aber haben sie sicher während der ganzen Bundesliga-Runde nicht gespielt wie in der ersten Hälfte der Begegnung im Frankenstadion. Auf der Tribüne schlug Calmund entsetzt die Hände vors Gesicht. Pressesprecher Uli Dost bekam derweil die Tore des Konkurrenten aus Dortmund mitgeteilt per Standleitung und sah mit jedem Tor des BVB blasser und verzweifelter aus. Auf dem Feld rannten und spielten die Nürnberger. Es war die 22. Minute, als Jacek Krzynowek flankte. Von hinten flog ein gewisser Marek Nikl heran, und der Ball lag im Tor. Als dann aus Köln der Untergang des SC Freiburg übermittelt wurde, feierten die Nürnberger schon ihre Rettung.

Ein bisschen voreilig, aber am Ende sangen sie minutenlang den n von Trainer Klaus Augenthaler. Vorher wechselte Toppmöller Oliver Neuville ein, und das war das Signal für eine Aufholjagd – ohne Happy End. Dimitar Berbatow griff sich flehend an den Kopf, als sein Ball in der 76. Minute nur an den Pfosten klatschte. Lucio, Zé Roberto, Sebescen und wieder Lucio – die halbe Mannschaft übte sich im Haareraufen.

Toppmöller stand wie ein einsamer Mann an der Seitenlinie. Die Krawatte mit den Klaviertasten hing rückwärts über die Schulter. Es war einiges in Schieflage. „Es war klar, dass nach Manchester die Kraft fehlen wird“, sagte Paulo Rink, der Brasilianer, den sie aus Leverkusen nach Nürnberg ausgeliehen haben. „Das Mitleid hält sich in Grenzen." Er war nicht der beste Freund von Toppmöller und gerne hätte er das 2:0 gemacht. „Wir werden jetzt feiern, für uns ist die Saison gelaufen", sagte Rink. Für Leverkusen wohl trotz aller Durchhalteparolen auch. „Wir haben das Hauptaugenmerk auf den Titel gelegt", sagte Toppmöller. Der ist vermutlich verspielt. Jetzt muss sich Bayer mit der Champions League oder dem DFB-Pokal trösten. Über diese Aussicht aber freute sich niemand. Und Reiner Calmund wischte sich am Ende noch eine Träne aus dem Auge: „So etwas kann doch keiner begreifen."

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