Sport : Auf der Flucht vor dem Schöpflöffel

Nur ein Erfolg in Frankfurt am Main kann Stefan Holzners Triathlon-Karriere retten – andernfalls muss der Koch zurück an den Herd

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Auf seine FünfMinuten-Terrine wird Stefan Holzner auch diesmal nicht verzichten. Kurz vor seinem Start heute Morgen beim Ironman-Triathlon in Frankfurt am Main wird der gelernte Koch wieder gemütlich auf seinem Hotelzimmer im Bett sitzen und noch eine Schnellsuppe mit viel Nudeln schlürfen. „Etwas Besseres gibt es vor einem Rennen nicht. Das ist mein Gourmetessen“, sagt der 36-jährige Triathlet. Keine Ironie schwingt dabei in der Stimme des Oberbayern mit, sondern mächtig viel Aberglaube.

Für Holzner ist die Fünf-Minuten-Terrine seit letztem Jahr zu einer Art Erfolgsrezept geworden, um optimal die Distanz von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen zu meistern. Mit diesem Ritual hat er vor einem Jahr hier in Frankfurt beim Qualifikationsrennen für die Ironman-WM auf Hawaii begonnen und prompt gewonnen. Als Außenseiter überrumpelte der Deutsche die gesamte Weltelite und stürmte nach 8 Stunden, 12 Minuten und 29 Sekunden als Erster durchs Ziel am Frankfurter Römer. „Das war ein unglaubliches Gefühl“, sagt Holzner. „Plötzlich kannte mich jeder. Es war eine Sensation.“

Auch dieses Jahr will er unbedingt „unter die ersten drei“ kommen. Dabei geht es ihm jedoch weniger um die Wiederholung einer Sensation. Es sind vielmehr existenzielle Gründe, die ihn nunmehr fast schon zum Erfolg zwingen. Nach zwölf Jahren Triathlon, in denen er vor allem mit Siegen in Neuseeland, Frankfurt und Bonn sowie Platzierungen unter den ersten zehn beim legendären Triathlon auf Hawaii auf sich aufmerksam machte, könnte mit einem Misserfolg in Frankfurt seine Karriere bald beendet sein. Holzner schwimmt, radelt und läuft nämlich vorwiegend um eine Verlängerung seines Vertrags mit seinem Hauptsponsor. Mit vier anderen Profis wird der Athlet seit dem vergangenen Jahr vom „Opel Triathlon Team“ unterstützt. Doch nur mit Höchstleistungen kann er sich weiter dieser Unterstützung gewiss sein. Frankfurt scheint dabei genau der richtige Ort zu sein, um das Unternehmen, das immerhin auch Hauptsponsor des Wettkampfes ist, von seinen Leistungen zu überzeugen. Erschwerend kommt hinzu: Es ist auch Holzners letzte Möglichkeit in diesem Jahr.

Denn in Hawaii wird der Deutsche nicht mehr starten. Dort hatte er im letzten Jahr den unglücklichsten Wettkampf seiner Karriere erlebt. Direkt nach dem Schwimmstart hatte Holzner zuerst seinen Zeitchip am Fußgelenk verloren, da ihm ein Gegner im Wasser dagegen trat. Erst nach eineinhalb Stunden Wartezeit, in der die Kampfrichter versuchten, einen neuen Chip zu organisieren, durfte Holzner weiterfahren. Dann hatte ihn auch noch ein Wettkampfrichter wegen Windschattenfahren zu einer weiteren Zeitstrafe verurteilt. „Obwohl ich mir bis heute keiner Schuld bewusst bin“, wie Holzner betont. Schließlich gab er entnervt auf. „Hawaii liegt mir nicht“, sagt er heute. Es sei ihm zu aufregend, zu heiß. Dort wolle er einfach nicht mehr starten.

Umso ambitionierter wird er in Frankfurt zu Werke gehen. „Ich werde hier meine Haut so teuer wie möglich verkaufen. Aber es wird dieses Jahr nicht leichter sein als letztes.“ Es wird wahrscheinlich sogar schwerer werden. Alle großen Namen aus der Weltspitze haben sich in die Startliste eingetragen. Und diesmal werden sie den Koch aus Bad Reichenhall „auf keinen Fall unterschätzen“, wie Thomas Hellriegel sagt. Er hat als einziger Deutscher schon auf Hawaii gewonnen, aber noch nie in seiner Heimat. „Das will ich ändern“, sagt Hellriegel.

Außerdem werden die ersten vier des Hawaii-Triathlons 2003 am Start sein: der Kanadier Peter Reid, der Belgier Rutger Beke, der Neuseeländer Cameron Brown und der Mannheimer Norman Stadler. Aber auch Jürgen Zäck, der 39-jährige Deutsche, der im vergangenen Jahr auf Hawaii Sechster wurde.

Dennoch: Holzner wird alles geben, um seinen Titel womöglich doch zu verteidigen. In den letzten Monaten hat er nur für diesen einen Wettkampf trainiert: 20 Kilometer kraulte Holzner wöchentlich durchs Wasser, fuhr 350 Kilometer Rad und lief 80 Kilometer. 25 Stunden pro Woche veranschlagte der 36-Jährige für sein Trainingsprogramm. Aber natürlich kann er den Erfolg nicht erzwingen. Schneidet der Deutsche beim Rennen in Frankfurt schlecht ab, droht nach dem Rückzug des Sponsors künftig die Küche in der elterlichen Gastronomie. Die soll der gelernte Koch nämlich nach seiner Triathlonkarriere übernehmen. Stefan Holzner hätte aber wohl nichts dagegen, sich stattdessen noch eine Weile mit Fünf-Minuten-Terrinen begnügen zu müssen.

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