Sport : Auf die konservative Tour

NAME

Von Hartmut Scherzer

Mont Ventoux. Der Held auf dem Mont Ventoux, dem kahlen Ungetüm, und in der Gluthitze der 14. Etappe war Richard Virenque. Der 32-jährige Franzose, vor vier Jahren noch als Dopingsünder nach dem Festina-Skandal ausgeschlossen, feierte ein triumphales Comeback. Als Virenque freihändig über den Zielstrich in 1912 Meter Höhe fuhr, nach 221 Kilometern, nach 5 Stunden, 43 Minuten und 26 Sekunden und einem brutalen, 21 Kilometer langen Anstieg, streckte er den rechten Zeigefinger in die Höhe. So, als wollte der Geläuterte alle darauf hinweisen: Es geht auch ohne Drogen.

Lance Armstrong wurde Dritter, 2 Minuten 20 Sekunden hinter Virenque und 22 Sekunden nach dem Russen Alexander Botscharow. Damit hat der 31-Jährige im Gelben Trikot einmal mehr seine außergewöhnliche Stärke demonstriert und seine Rivalen im Gesamtklassement um weitere Minuten abgehängt. Armstrong war bergauf sogar mit Abstand der Schnellste. Nur hatte das trotz einer Parforcejagd auf den letzten sieben Kilometern nicht mehr ausgereicht, um die Fluchtgruppe noch einzuholen: Mit acht Minuten Vorsprung hatte ein knappes Dutzend um Virenque und Botscharow den Fuß des Ventoux erreicht.

Nach einer demoralisierenden Konterattacke gegen Joseba Beloki machte sich Armstrong sieben Kilometer vor dem Gipfel also allein an die Verfolgung. „Ich bin so gut und so stark gefahren, wie ich konnte. Richard hatte einen großen Vorsprung. Aber es ist nicht einfach, alleine den Ventoux hochzufahren“, sagte Armstrong. „Obwohl er nur 1900 Meter hoch ist, bekommst du oben kaum noch Luft, weil jegliche Vegetation fehlt. Ich kenne seine Topografie, aber nicht den Ventoux.“ Es sei „ein heimtückischer Berg“, schilderte Armstrong. „Wenn ich hinaufklettere, habe ich immer das Gefühl, in einer anderen Welt, ein anderen Dimension zu sein.“

Auf die Frage, ob ihm der Ventoux nicht liege, antwortete Lance Armstrong: „Ich bin nicht hierher gekommen, um am Ventoux zu gewinnen. Ich bin hier, um die Tour de France zu gewinnen.“

Was Lance Armstrong dagegen zu schaffen macht, sind so manche Beschimpfungen der Zuschauer am Straßenrand, denn da stehen ncht nur Fans: „Es ist enttäuschend, wenn Leute dir immer wieder zurufen: dope, dope. Wenn ich für jeden Ruf einen Dollar bekäme, wäre ich ein reicher Mann“, meinte Armstrong. „Ich verstehe diese Mentalität nicht. Aber damit muss ich leben.“

Er sei aber dennoch zufrieden. „Wir haben unseren Vorsprung im Gesamtklassement weiter vergrößert“, stellte er fest. Der Spanier Joseba Beloki hat jetzt 4:21 Minuten Rückstand, der Litauer Raimondas Rumsas als Dritter 6:39 Minuten.

Für Armstrong und das US Postal Team hat sich für die Alpen nach dem heutigen Ruhetag die Taktik geändert: „Jetzt brauchen wir nicht mehr anzugreifen, sondern werden konservativ fahren“, kündigte der Team-Chef an. „Es geht nicht darum, mit welchem Abstand ich die Tour gewinne, sondern nur, dass ich sie gewinne. Ich werde so lange wie möglich bei meiner Mannschaft bleiben.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar