Sport : Auf Hannibals Spuren

Erik Eggers

Im Jahre 216 vor Christus trug sich jene klassische Schlacht bei Cannae zu. Damals in Apulien stand der Karthager Hannibal, der mit seinen Elefanten über die Alpen gezogen war, nicht das erste Mal einem zahlenmäßig und militärisch überlegenen römischem Heer gegenüber. Und wieder fand Hannibal eine geniale taktische Variante: Sein Heer wich dem Druck der Legionen aus, kesselte diese ein und ließ sie im eigenen Sturmlauf zugrunde gehen. Die Römer erstickten an ihrer eigenen Masse.

Am Dienstag erinnerte in Leverkusen ziemlich viel daran. Schließlich war Juventus Turin hoher Favorit, das spielerische Potenzial schien zu überlegen, die 0:4-Niederlage Bayers in Turin noch präsent. Plausibel angesichts des personellen Notstandes seiner Elf, dass Trainer Klaus Toppmöller eine eher defensive Formation wählte. Mit Anpfiff bot sich indes ein völlig anderes Bild: Hier stürmten nicht, wie erwartet, die Trezeguets und Amorusos, um ihre letzte Chance zu wahren. Vielmehr überfiel Leverkusen geradezu die behäbige, lässige Abwehr Turins.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Und noch etwas irritierte: Dieser Überfall wurde nicht getragen von den Stammkräften Kirsten, Neuville und Ballack, sondern von den internationalen No-Names Berbatow, Bradaric und Vranjes. Am Ende schoss gar jemand zum 3:1-Endstand ins Tor, der selbst in Deutschland unbekannt ist: der 21-jährige Kroate Marko Babic. Die Zuschauer waren hingerissen von diesem unverhofften Sturmlauf der zweiten Garde, und das will in Leverkusen etwas heißen. Und auch die Spieler wirkten hingerissen von sich selbst, fasziniert von der Leichtigkeit, mit der sie zu großen Chancen kamen.

Genau deshalb zeterte Stratege Klaus Toppmöller ab der 30. Minute an der Seitenlinie. "Wir sind in Führung und greifen weiter an", echauffierte er sich noch nach dem Spiel, deswegen habe er "die taktische Ausrichtung in der Halbzeit lautstark angemahnt". In seinen Augen liefen seine Youngster permanent ins offene Messer. Aber kann man dieses offensive Harakiri-Konzept einem Spieler wie Berbatow überhaupt übelnehmen? Diesem talentierten 21-Jährigen, der in 16 meist kurzen Bundesliga-Einsätzen immerhin sechs Tore erzielte und seine Mannschaft quasi im Alleingang ins DFB-Pokalfinale schoss? Natürlich will sich so jemand unbedingt beweisen in einem Spiel gegen Turin. Und so wird Klaus Toppmöller auch die vielen eigensinnigen Aktionen Berbatows auf mangelnde Routine oder Übermotiviertheit zurückführen. Eine "sehr gute Leistung" habe Berbatow geboten, aber als er "zum Schluss nicht mehr bereit war, die Wege nach hinten mitzugehen", habe er ihn lieber ausgewechselt.

Berbatows Sturmpartner Brdaric, der Schütze des 2:1, erntete sogar uneingeschränktes Lob. Wieder habe der Angreifer bewiesen, "ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft zu sein", sagte Toppmöller und lobte Brdarics Schnelligkeit und Kopfballstärke. Und auch der 22-jährige Jurica Vranjes wurde von der Leverkusener Lob-Maschine bedacht. Üblicherweise bevorzugt der Kroate das offensive Spiel, gegen Turin musste er Ramelows Position des Abräumers ausfüllen. Sonst, wenn Vranjes eingewechselt wird, "spielt der La Paloma auf dem Feld, heute hat er für die Mannschaft gekämpft", sagte Manager Reiner Calmund.

Er wünscht nun allen "Blei in die Schuhe" - ist doch die Qualifikation für das Viertelfinale, für das sich Toppmöller wünscht, "Real Madrid zum Jubiläum zu gratulieren", noch keineswegs perfekt. Selbst wenn La Coruña, das bereits qualifiziert ist, nächste Woche gegen Leverkusen mit einer Rumpfelf auflaufen sollte, muss Bayer erst einmal seine Auswärtsschwäche überwinden. Gelingt das nicht, würde der Sieg gegen Juventus im Rückblick doch nicht an Cannae erinnern, sondern an die Siege des Pyrrhus. An jenen König also, der gegen die Römer siegte und siegte. Und am Ende doch unterging.

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