Sport : Auf totem Gleis

Hollands Fußballern fehlte in der Defensive der Mut, um gegen die Deutschen zu bestehen.

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Eine Niederlage,
Eine Niederlage,Foto: dapd

Seinen letzten Zweikampf bestritt Mark van Bommel in Badelatschen. Er war eng am Mann und verhinderte mit seinem Einsatz möglicherweise Schlimmeres. Van Bommel, der Kapitän der holländischen Fußball-Nationalmannschaft, legte seinem früheren Münchner Kollegen Thomas Müller den Arm auf die Schulter und führte ihn von Wesley Sneijder weg, mit dem sich Müller gerade ein Wortgefecht geliefert hatte. So viel Fürsorge wie nach dem Spiel war den Deutschen von Hollands Defensivkräften während des Spiels selten zuteil geworden.

„Wir waren nicht in der Lage, Deutschland unseren Willen aufzuzwingen“, sagte van Bommel. In Wirklichkeit war es sogar so, dass die Holländer dem Willen ihres Gegners nach dem 0:1 nicht viel entgegenzusetzen hatten. „Oranje fiel auseinander wie viel zu lang gekochtes Suppenfleisch“, höhnte die „Volkskrant“. Und via Twitter bemühte ein enttäuschter Fan den immer wieder beliebten Rückgriff auf den großen Krieg: „Beim letzten Mal, dass wir gegen die Deutschen so schlecht verteidigt haben, sind wir anschließend unser Land für fünf Jahre losgeworden.“

Es gibt einige Indizien dafür, dass die Holländer in Charkiw eine Niederlage erlitten haben, die sie härter trifft, als das im Moment abzusehen ist: Zum ersten Mal überhaupt ist die Elftal mit zwei Niederlagen in ein EM-Turnier gestartet, zum ersten Mal seit 1980 droht ihr das Aus nach der Vorrunde. Ohne Defensive lässt sich kein Titel gewinnen – das haben die Holländer am Mittwoch noch einmal eindrucksvoll belegt. Ohne Defensive reicht es möglicherweise nicht einmal fürs Viertelfinale. „Zwischen Mittelfeld und Abwehr haben wir zu viel Raum gelassen“, klagte Bondscoach Bert van Marwijk. Vor den Gegentoren hielten seine Spieler rund um Passgeber Bastian Schweinsteiger so viel Sicherheitsabstand, dass ein Kreuzfahrtschiff auf diesem Platz problemlos ein Wendemanöver hätte vollführen können. „Wenn du verloren hast, sagst du normalerweise, du hättest im Angriff mehr Mut zeigen müssen“, sagte van Marwijk. „Aber diesmal haben wir in der Defensive zu wenig Mut gezeigt.“

Für ein Volk, das sich einiges einbildet auf seine wagemutigen Händler, Seefahrer und auch Fußballer, ist das so ungefähr der schlimmste denkbare Selbstvorwurf. Van Marwijk wollte, dass sein Team hoch steht, die Abwehr ans Mittelfeld anschließt und damit den bespielbaren Raum auf ein Minimum verknappt. Doch den Holländern fehlte dazu die Überzeugung. Mit Johnny Heitinga, 28 Jahre, Joris Mathijsen, 32, und Mark van Bommel, 35, in den zentralen defensiven Positionen, mit Spielern also, die alle nicht unbedingt durch Geschmeidigkeit auffallen, ist die offensive Form der Verteidigung ohnehin ein recht ambitioniertes Unternehmen.

Bisher haben die Holländer ihre Defensivschwächen durch ein Überangebot an offensiver Qualität kompensieren können. Gegen die Deutschen kamen sie viel zu selten zur Geltung. „Die Holländer hatten wenig Einfälle“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Mittelfristig droht dem holländischen Fußball auch vorne ein Problem. All die begnadeten Einzelkönner – Wesley Sneijder, Arjen Robben, Rafael van der Vaart, Dirk Kuyt und Robin van Persie – werden bei der WM 2014 in Brasilien 30 oder älter sein. „Diese Mannschaft fährt auf einem toten Gleis“, schrieb die Zeitung „NRC next“.

Das Spiel brachte bei den Holländern einige traurige Helden hervor. Kapitän van Bommel, der in der zweiten Halbzeit in lässigem Strandoutfit neben der Bank hockte und tatenlos zusehen musste. Oder Arjen Robben, der kurz vor Schluss ausgewechselt wurde. Er ging vor der Gegentribüne vom Platz und machte sich auf den langen Weg zur Bank. Kurz vor der letzten Kurve stolperte er über ein Kabel. Robben geriet kurz ins Straucheln, fing sich aber gerade noch. Vielleicht gelingt das auch seinem Team. Die Elftal hat noch eine Chance aufs Viertelfinale: wenn sie Portugal mit zwei Toren Differenz besiegt und Deutschland die Dänen schlägt. Ob es nicht seltsam sei, nach zwei Niederlagen noch weiterkommen zu können, wurde Robben gefragt. „Lieber so“, antwortete er, „als wenn du weißt, dass es schon vorbei ist.“

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