Sport : Auf Wolke sieben

Mit dem Sieg über Andy Murray im Finale von Wimbledon ist Roger Federer nunmehr der größte Tennisspieler aller Zeiten. Ein Rückblick auf seine sieben Triumphe auf dem Londoner Rasen.

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2003 – Mark Philippoussis 7:6, 6:2, 7:6

Federers erster Erfolg in Wimbledon ist das verspätete Einlösen eines großen Versprechens. Zwei Jahre zuvor hatte er als 19-Jähriger den siebenfachen Champion Pete Sampras im Achtelfinale entthront. Den von vielen erwarteten Durchbruch bedeutete das aber nicht. Im Gegenteil: Ein Jahr später verabschiedete sich Federer gleich in Runde eins aus London. Viel zu oft hadert er in dieser Zeit mit sich selbst, doch 2003 spielt er sich in Wimbledon endgültig frei. In seinen sieben Matches gibt er nur einen Satz ab, im Finale ist der aufschlagstarke Australier Mark Philippoussis chancenlos. Die Haare trägt der jungenhafte Federer damals zum Zopf gebunden, nach seinem Sieg vergießt er Tränen des Glücks – wie später noch so manches Mal. Und er sagt den klugen Satz: „Ich bin mir bewusst, dass sich mein Leben ab jetzt ändern wird.“

2004 – Andy Roddick 4:6, 7:5, 7:6, 6:4

Der Titelverteidiger reist als Nummer eins der Weltrangliste nach Wimbledon und lässt an seinem Status keinen Zweifel. Auch vom scheinbar endlosen Regen in den Turniertagen von London zeigt sich der Schweizer unbeeindruckt, obwohl er eine leichte Erkältung mit ins Endspiel schleppt und es damals noch kein Dach über dem Centre Court gibt. Das Duell der besten Rasenspieler im Finale könnte dann unterschiedlicher nicht sein. Der Urgewalt von Andy Roddick setzt Federer Eleganz und Spielwitz entgegen und bleibt am Ende cool. „Es ist immer noch ein unglaubliches Gefühl, wieder hier als Sieger zu stehen“, sagt er nach seinem neuerlichen Triumph und wirkt mit seinen 22 Jahren dabei schon enorm abgeklärt.

2005 – Andy Roddick 6:2, 7:6, 6:4

Der Zopf ist ab, der Erfolg bleibt: Nach Björn Borg und Pete Sampras gewinnt er als dritter Spieler in der Ära des Profitennis dreimal in Folge Wimbledon. „In derselben Liga wie diese beiden zu sein, ist etwas absolut Besonderes für mich“, sagt Federer nach dem nächsten Finalsieg über Andy Roddick. Der frustrierte US-Amerikaner hält Federer inzwischen für „beinahe unschlagbar“. Im gesamten Turnierverlauf gibt der Champion nur einen Satz ab. „Irgendwie ist mir der dritte Sieg leichter gefallen als der zweite“, lässt sich Federer am Tag seines Titelhattricks dann auch zu einem für ihn eher untypischen Satz hinreißen. Und legt sogar noch nach: „Ich werde sicher auch in den nächsten Jahren zu den Favoriten hier gehören.“ Der unbestrittene Dominator im Welttennis hat seine Rolle angenommen.

2006 – Rafael Nadal 6:0, 7:6, 6:7, 6:3

Das erste von drei Wimbledon-Endspielen in Folge zwischen Roger Federer und Rafael Nadal ist noch eine deutliche Angelegenheit. Der spanische Sandplatzspezialist bestreitet im Finale gerade einmal sein zwölftes Match auf Gras überhaupt. Er profitiert davon, dass die Rasenplätze immer langsamer werden und sich das Spiel zunehmend an die Grundlinie verlagert. Federer bereitet die Umstellung keine Probleme, doch Nadal deutet bereits an, wie gefährlich er dem Schweizer auf dessen Lieblingsbelag noch werden wird. „Es war wahnsinnig eng und ich bin am Ende unglaublich nervös geworden“, gesteht Federer nach seinem 48. Sieg auf Gras in Folge.

2007 – Rafael Nadal 7:6, 4:6, 7:6, 2:6, 6:2

Ein Jahr später ist Nadal schon deutlich näher dran am Titel. Im fünften Satz hat er beim Stand von 2:2 die Chance zum Break, vergibt diese jedoch und holt kein Spiel mehr. Federer, der sich in jenen Tagen als Gentleman in weißem Anzug inszeniert, gewinnt zum fünften Mal in Folge Wimbledon. Dadurch zieht er mit Björn Borg gleich, dem dies zuvor als einzigem Spieler gelungen war. „Er kann hier sechs, sieben, acht Mal gewinnen“, hatte der Schwede schon vor dem Finale erklärt. Aber Federer scheint schon zu ahnen, dass Siege – selbst in Wimbledon – von nun an keine Selbstverständlichkeit mehr sind. „Ich muss jetzt so viele Titel mitnehmen wie möglich. Rafael spielt ja noch so viel länger als ich.“

2009 – A. Roddick 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14

Ein Jahr nach dem vielleicht besten Tennismatch aller Zeiten, in dem Rafael Nadal die Siegesserie von Roger Federer in Wimbledon beendet hatte, fehlt der Spanier verletzt. Federer ist fit – körperlich und mental. Und im Finale braucht er Körper und Geist, um Andy Roddick ein weiteres Mal zu bezwingen. „Ich bin froh, dass es vorbei ist, bei mir im Kopf dreht es sich immer noch. Es hätte noch stundenlang so weiter gehen können“, gibt Federer später zu. 50 Asse schlägt er in dem viereinhalbstündigen Match, in dem er sich den 15. Grand- Slam-Titel sichert und damit Pete Sampras in der Rekordliste überholt. Bescheiden erklärt Federer dazu nur: „Daran hätte ich nie geglaubt, als ich als Kind mit dem Tennisspielen angefangen habe.“

2012 – Andy Murray 4:6, 7:5, 6:3, 6:4

Drei Jahre nach seinem letzten Triumph in Wimbledon und zweieinhalb Jahre nach dem letzten Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier ist Roger Federer nicht mehr der Top-Favorit auf den Titel. Und spielt zunächst auch so. In der dritten Runde zittert er sich gegen den Franzosen Julien Benneteau nach einem 0:2-Satzrückstand gerade noch ins Achtelfinale. Doch in der zweiten Woche findet Federer zurück zu seiner Form. Im Halbfinale kommt es zum großen Duell mit Titelverteidiger Novak Djokovic, das der Schweizer mit brillantem Tennis für sich entscheidet. Im Endspiel wartet mit Andy Murray der Liebling der Briten. Doch Federer spielt so stark, dass er am Ende doch der gefeierte Champion ist. Halb weinend, halb lachend sagt Murray nach dem Match: „Mir wurde gesagt, das wäre leicht heute für mich, denn Roger sei ja schon 30...“ Der nunmehr siebenfache Wimbledon-Sieger lächelt nur und genießt den für ihn „magischen Moment“ vor den Augen seiner Zwillingstöchter.

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