Sport : Aufstehen, Bundesliga

Viele Klubs sind sich einig: Die Bayern sind noch längst nicht Meister, und Langeweile kommt schon gar nicht auf – eine Umfrage

André Görke[Moritz Küpper],Dani

Von André Görke, Moritz Küpper

und Daniel Pontzen

Hans Meyer handelte geistesgegenwärtig. Seine Mannschaft, Borussia Mönchengladbach, hatte soeben 0:3 bei Bayern München verloren, und bei der anschließenden Analyse für das Bezahlfernsehen schenkte ihm der Reporter die gerade erschienene Biografie von Ottmar Hitzfeld. Man hätte das als unhöflich empfinden können, als unerbetenen Ratgeber, doch Meyer nutzte die Gelegenheit und reichte das Werk gleich weiter an den Protagonisten, der neben ihm stand, und erbat sich eine Widmung. Einen Moment lang wirkte Ottmar Hitzfeld ein wenig verlegen, dann nahm er den Stift und verfasste einige Zeilen für seinen Kollegen.

Es kommt nicht häufig vor, dass ein Bundesliga-Trainer sich ein Autogramm von einem anderen holt. Vielleicht war es ein Zeichen des Respekts, der dem Erfolg des Münchner Fußballlehrers geschuldet war. Denn spätestens nach dem Rückrundenstart in die Bundesliga, da die Bayern den Vorsprung auf Verfolger Werder Bremen auf acht Punkte erhöht haben, einigten sich die ausgewiesenen und selbst ernannten Experten der Branche eilig auf die Einschätzung: Bayern wird Meister, bestimmt. Und: Der Liga droht tödliche Langeweile.

Jedoch, in der Branche gibt es massiven Widerspruch. „So wie ich den Fußball kenne“, sagt Matthias Sammer und schaut dabei, als kenne den Fußball kaum jemand besser als er, „wird es bis zum Saisonende eng zugehen im Kampf um die Meisterschaft.“ Der Dortmunder Trainer entnimmt dem scheinbar entschiedenen Kampf um den Titel seine ganz eigene Dramatik. „Schon allein deshalb, weil viele es nicht mehr spannend finden, wird es nochmal spannend.“ Sollten die Bayern also straucheln, könnte es umso schneller aufregend werden nach der Sammerschen Logik.

„Der Vorsprung der Bayern ist respektabel, aber ich bin davon überzeugt, dass es wieder eng wird“, pflichtet Hansa Rostocks Trainer Armin Veh bei. Benno Möhlmann, Coach von Arminia Bielefeld, behauptet gar: „Ich war in der Winterpause der einzige Trainer, der noch auf Borussia Dortmund als Meister gesetzt hat, und ich bin auch jetzt nicht bereit, von diesem Tipp abzurücken.“

Keine Anzeichen von Eintönigkeit also, im Gegenteil. Karl Heinz Wildmoser, Präsident des TSV 1860 München, spürt noch „eine ganze Menge Feuer in der Liga. Die Bayern sind noch überhaupt nicht enteilt. Dortmund und Bremen haben noch gute Chancen, selbst Schalke traue ich noch einiges zu.“ Außerdem: „Der Kampf um die Champions-League- und Uefa-Cup-Plätze verspricht noch so viel Spannung, dass sich die Fans auf eine tolle Rückrunde freuen können.“ Bochums Manager Heinz Knüwe versichert, dass sich „bei der Drei-Punkte-Regel so viel tun kann, dass bis zum letzten Spieltag garantiert noch eine Menge offen bleibt.“

Eine etwas unromantischere Sicht der Dinge hat HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer. „Bei der Vorstellung, dass es die Bayern nochmal spannend werden lassen, ist wohl der Wunsch Vater des Gedanken. Ohne die Zusatzbelastung in der Champions League spricht alles für die Bayern.“ Mit Beiersdorfer stimmt Hertha-Manager Dieter Hoeneß überein. Als er Sonntagabend mit seinem Bruder, Bayern-Manager Uli Hoeneß, telefonierte, gratulierte er ihm zwar noch nicht zur Meisterschaft, „aber, ganz ehrlich, die Bayern sind stabil genug, dass sie das durchziehen. Wir haben ihnen mit unserem 2:1 gegen Borussia Dortmund da natürlich auch ein wenig geholfen."

Die Statistik taugt auch nicht eben als Quell großer Hoffnung für einen packenden Titelendspurt. Erst zweimal war der Vorsprung des Spitzenreiters nach dem ersten Rückrundenspieltag genauso groß wie jetzt. 1967/68 war der 1.FC Nürnberg dem TSV 1860 drei Siege voraus und büßte nur noch wenige Zähler ein. Zuletzt hatten die Bayern selbst einen exakt gleich großen Vorsprung wie nun, 1999 war das. Am Ende wurden sie mit 15 Punkten Vorsprung Meister.

Es sieht also so aus, als käme Ottmar Hitzfeld kaum umhin, in die nächste Auflage seiner Biografie ein neues Erfolgskapitel zu ergänzen. Hans Meyer wäre vermutlich interessiert an einem Exemplar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben