Sport : Aus der Defensive

Die deutsche Nationalelf lernt aus ihren Fehlern, stärkt die Abwehr und gewinnt 3:0 gegen Tunesien

Stefan Hermanns[Köln]

Die letzte Aktion wirkte wie eine knappe Zusammenfassung des gesamten Spiels. Francileudo dos Santos, Tunesiens gefährlichster Stürmer, lupfte den Ball über den Fuß von Sebastian Deisler, stürmte in den Strafraum und tanzte auch noch schnell Per Mertesacker aus. Alles wunderschön anzusehen. Im entscheidenden Moment aber ließ Santos den Ball über den Spann ins Toraus rollen. „75 Minuten haben wir sehr gut gespielt“, sagte Roger Lemerre, der Trainer der tunesischen Fußball-Nationalmannschaft. Dann erzielte Michael Ballack mit einem Foulelfmeter das 1:0 für die Deutschen, und als das Spiel eine Viertelstunde später abgepfiffen wurde, hieß es 3:0. Durch den zweiten Sieg im zweiten Spiel ist die Mannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann vorzeitig für das Halbfinale des Confed-Cups qualifiziert.

„Dass es ein hartes Stück Arbeit werden würde, wussten wir vorher“, sagte Klinsmann. Der Klassenunterschied war bei weitem nicht so groß, wie es das deutliche Ergebnis vermuten lässt. Erst nach dem Elfmeter zum 1:0, den der zuvor gefoulte Ballack wie Johan Neeskens im WM-Finale 1974 mit Wucht in die Mitte des Tores geballert hatte, brach der Widerstand des Afrikameisters zusammen. „Man hat gesehen, dass dann bei einigen die Fesseln ein bisschen gelöst wurden“, sagte Ballack.

Bis dahin hatten die Deutschen ihr Augenmerk vor allem auf die Sicherung ihres Tores gerichtet. Es war die logische Konsequenz auf die Kritik nach dem 4:3-Auftaktieg gegen Australien. „Absolute Disziplin und Geduld“ hatte Ballack bei seiner Mannschaft erlebt. „Wir haben hinten zu keiner Zeit geöffnet.“ Wie in der zweiten Halbzeit gegen Australien ließ der Bundestrainer das Mittelfeld nicht als Raute spielen, sondern bildete eine zweite Viererkette vor der Abwehr. Die Maßnahme führte zu einem Zuwachs an Stabilität, hemmte allerdings auch das Spiel nach vorne.

Die Besetzung der Abwehr selbst hatte Klinsmann nicht verändert. Es war seine Reaktion auf die seiner Ansicht nach „überzogene Kritik“, die vor allem Robert Huth abbekommen hatte. Der massige Innenverteidiger offenbarte auch gegen die schnellen tunesischen Stürmer anfangs einige Schwierigkeiten. Klinsmann aber fand es „toll zu sehen, wie Robert ganz sachlich sein Spiel gesucht hat“ – und es am Ende auch fand. Das Kölner Publikum honorierte den Fortschritt und feierte den Verteidiger bei jeder Ballberührung mit lauten „Huuuuth“-Rufen. Dafür spielte Arne Friedrich bei weitem nicht so spektakulär wie zuletzt gegen Australien, sah seine zweite Gelbe Karte und ist nun für das letzte Gruppenspiel gegen Argentinien gesperrt.

„Heute haben wir eine gute Antwort gegeben“, sagte Michael Ballack. Die Mannschaft hat sich als lernwillig und -fähig erwiesen. Allerdings hat sie auch gezeigt, dass sie immer noch auf der Suche ist nach der richtigen Balance; dass defensive Stabilität und attraktives Offensivspiel zurzeit noch nicht gleichzeitig zu haben sind. In der ersten Halbzeit erspielten sich die Deutschen nur eine Torchance. In der vierten Minute eilte Gerald Asamaoah allein auf Tunesiens Torhüter Boumnijel zu, übersah aber den besser postierten Sebastian Deisler und scheiterte. Der Schalker war neben Deisler und Jens Lehmann neu in die Mannschaft gekommen. „Wir haben uns von Asa erhofft, dass er viel arbeitet und die Räume aufreißt“, sagte Jürgen Klinsmann. Doch die Tunesier unterbanden die deutschen Angriffsversuche meist schon im Mittelfeld und kamen selbst zu einigen guten Chancen. Die beste resultierte aus einem Eckball, als Clayton den Ball direkt aufs Tor zirkelte, jedoch nur den Oberarm von Jens Lehmann traf (26. Minute).

In der Pause trug Jürgen Klinsmann seiner Mannschaft auf, „noch einen kleinen Tick mehr das Tor erzwingen zu wollen“. Das führte manchmal zu übermotivierten Aktionen wie bei Bastian Schweinsteiger, der seinem Freund Lukas Podolski im Strafraum den Ball vom Fuß nahm und sich dann verdribbelte (67.). Aber Podolski ist offensichtlich nicht nachtragend. Eine knappe Viertelstunde später spielte der Kölner einen präzisen Pass in den Lauf Schweinsteigers, der umkurvte Tunesiens Torhüter und traf zum 2:0 (80.). „Es war ein Genuss für uns alle, so ein Tor zu sehen“, sagte Klinsmann. Das 3:0, ein Abstauber des erst drei Minuten zuvor eingewechselten Mike Hanke, fiel in ästhetischer Hinsicht etwas ab. Trotzdem war es ein besonderes Tor: das erste, das Mike Hanke für die Nationalmannschaft erzielt hat.

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