Sport : Aus der Schuld

Michael Rosentritt

Seine Augen verraten ihn noch immer. Besonders, wenn er von Journalisten umringt wird. Sebastian Deislers Augen verkünden dann eine große Sehnsucht: Könnte ich doch bloß ein Leben führen wie Millionen anderer in meinem Alter auch? Er wird ein solches Leben nie führen können. Und das alles, weil er einen Fußball führen kann wie wenige in seinem Alter. Vor nicht allzu langer Zeit hat er deswegen 20 Millionen Mark auf seinem Konto vorgefunden. Der FC Bayern hielt diesen Betrag für angemessen, um sich die Dienste des jungen Mannes langfristig zu sichern. 20 Millionen für ein Ja-Wort. Nicht schlecht für einen 21-Jährigen.

Offiziell wurde die Transaktion als Darlehen deklariert, das die Bayern Deisler im Vorgriff auf dessen künftige Leistungen gewährten. Dieses Darlehen - das wurde gestern bekannt - hat Deisler inzwischen zurückgezahlt. Aus "steuertechnischen" Gründen. Das Finanzamt hatte sich wohl gerührt, wie im Fachmagazin "Kicker" zu lesen ist. "In diesen Dingen" kenne er sich nicht so gut aus, erzählt Deisler. Und schließlich sei es "ein ganz normaler Vorgang", ein Darlehen zurückzuzahlen.

Nicht ganz normal war neben der Höhe der Zahlung wohl eher, dass die Sache überhaupt an die Öffentlichkeit gelangte. Ein Angestellter von Deislers Bank mochte im vorigen Oktober - aus welchen Motiven auch immer - nicht für sich behalten, dass es in seinem Haus einen interessanten Buchungsvorgang gab. Eine Zeitung druckte tags darauf den Einzahlungsbeleg ab und bescherte Sebastian Deisler dadurch "die härtesten, aufregendsten Wochen in meinem Leben". Seit den Enthüllungen der Rahmenbedingungen des Transfers ist der Spieler an der Verfolgung des Bankmitarbeiters interessiert, der den Scheck an die Öffentlichkeit leitete. "Wir sind ihm auf den Spuren", sagte Deisler damals. "Wir haben ihn noch nicht gefunden", sagt er jetzt. Dass nun auch noch die Angelegenheit mit der Rückzahlung rauskam, nimmt er gelassen. "Damals war es ein Schlag, der mich getroffen hat", heute sei er ein bisschen abgehärtet. "Es gibt anscheinend immer wieder Leute, die sich da gern probieren."

An den eigentlichen Fakten ändert diese Erkenntnis ohnehin nichts. Auch wenn Deisler die 20 Millionen Mark zurückgezahlt hat - zu den Bayern geht er trotzdem. Schon als er den Eingang des Geldes auf öffentlichen Druck hin bestätigen musste, hatte Deiser gesagt: "Ich habe nüchtern betrachtet nichts Falsches getan, sondern nur den nächsten, für mich notwendigen Schritt für meine Fußballer-Karriere beschlossen und eingeleitet."

Nun ist es aber doch auch so: Wer nichts daran finden kann, einen solchen Betrag augenzwinkernd entgegenzunehmen, der muss damit rechnen, dass dies nicht nur Spuren auf der persönlichen Habenseite hinterlässt. Das sieht selbst im Lichte der andalusischen Sonne nicht anders aus. Mittlerweile ist auch Deisler im Schutze einer kleinen Gruppe ebenfalls verletzter Spieler von Hertha BSC in Marbella eingetrudelt, wo sich sein Noch-Verein für das Restprogramm der Bundesligasaison präpariert. "Ich freue mich auf das halbe Jahr", sagt Deisler, der immer noch am rechten Knie lädiert ist, "es ist eine Herausforderung." Eine recht optimistische Umschreibung dessen, was in Wirklichkeit auf ihn wartet bis zu seinem Wechsel. Was wiederum nicht an seinem rechten Knie liegt, sondern eher damit zu tun hat, dass Hertha in den ersten neun Saisonspielen mit ihm nur elf Punkte holte, in den folgenden neun Spielen ohne ihn stattliche 21.

"Sebastian wird immer einen Platz in der Mannschaft finden, wenn er wieder fit ist", antwortet Kapitän Michael Preetz auf eine Frage, die vielleicht gar keine ist. Bestimmt wird Deisler einen Platz finden. Nur welchen? Und ab wann und vor allem wo? In einem Heimspiel etwa, wo ihn sehr wahrscheinlich die Fans von Hertha, die ihn einst vergötterten, auf eine völlig neue Weise empfangen werden, nach all den krimihaften Begleiterscheinungen des Vereinswechsels. Dann doch lieber zuerst auswärts spielen für Hertha, oder? "Ich setze mir keinen Zeitpunkt", sagt Deisler. "Momentan habe ich noch Probleme bei der Stabilisierung. Für mich zählt nur noch das Knie."

Im vorigen Herbst hatte Deisler im Spiel beim Hamburger SV einen Kapselriss und eine Verrenkung der Patella im rechten Knie erlitten. Eine Woche später folgte eine Operation bei einem Spezialisten in Vail (USA). Seitdem befindet sich der einst von Herthas Präsident Bernd Schiphorst als "das zentrale Element unserer Zukunftsplanung" bezeichnete Spieler im rückwärtigen Bereich des Vereins - in Behandlung.

Dass die Zukunft Deisler jedoch im Trikot der Bayern sehen wird, macht die Fans der Hertha nicht gerade glücklich. "Ich kann die Leute verstehen, aber meine Entscheidung haben sie zu respektieren", sagt Deisler. "Ich werde mich anstrengen, dass Hertha noch Dritter wird. Aber dafür muss alles stimmen." Die Pfiffe gegen ihn muss er notfalls überhören. Der Nationalspieler lasse sich "von niemanden" unter Druck setzen. Dreimal wurde er am rechten Knie operiert. Und bald ist Weltmeisterschaft. "Jetzt höre ich nur noch auf mein Knie."

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