Sport : Aus der Tiefe des Volkes

Konfrontiert mit der schrecklichen Einsamkeit, die wir empfinden, wenn sogar die Träume verloren sind - wie der Schriftsteller Vázquez Montalbán es ausdrückt -, fällt Argentinien immer tiefer in die Verzweiflung. Der Staat und die Banken stehen vor dem Bankrott, die Wirtschaft liegt darnieder. Wohin wir auch blicken: Ein Großteil der Konturen dessen, was wir kannten und an das wir glaubten, ist verschwunden. Es ist, als ob sich gesellschaftliche Vorstellungen und soziale Projekte in Luft aufgelöst hätten und wir nun ohne Kultur dastünden. Ohne jene Kultur, die wir noch vor kurzem fortschrittlich nannten, weil sie nicht reaktionär war.

Ausgerechnet in dieser Zeit der schweren politischen und sozialen Krise haben sich die Menschen am 10. November zu einem Fest der Medien getroffen, organisiert von der Geschäftswelt: Denn der Fußball ist das letzte Gebiet, auf dem man in Argentinien noch Geschäfte machen kann. Dieses Spiel, sein Abschiedsspiel, war eine Hommage an Diego Armando Maradona.

Schon vor dem Anpfiff war klar: Diego und die Leute würden da sein, jeder Einzelne würde sein Fest feiern. Diejenigen, die es für die seichtesten Werbeaktionen nutzen, auch leicht bekleidete Damen würden nicht fehlen, genauso wenig die "Stars und Sternchen", die Politiker, fast alle Verantwortlichen dieser Tierschau, an der wir teilnehmen. Aber es kamen auch jene, die unter diesem Zoo leiden, Menschen, die einfach nur noch einmal Diego sehen wollten. Sie wussten und wissen, dass die Zauberkraft, die Freude, die Geschichte lebendig werden, wenn seine Füße einen Ball berühren.

Doch lebt dann nicht nur die Magie dieses großen Fußballspielers wieder auf, sondern auch das, was das magische linke Bein für das Volk bedeutete, wenn Diego listig einen Gegner ausspielte. Die Menschen sehen mehr als nur die Bewegungen und Gesten dieser Person - sie sehen in ihm etwas, das bereits zum imaginären Volksbesitz gehört. So wie Carlos Gardel, der Tangotänzer, gehören Diego und sein Fußball dem Volk. Sein Stil ist so etwas wie eine genetische Zusammenfassung dessen, was die Geschichte des argentinischen Fußballs bedeutet. Und sie bedeutet viel: Der Fußballsport verdankt, wie ich es einmal formulierte, seine Existenz dem arbeitenden Volk. Bei den Besitzlosen, zu denen als Kind gerade auch Diego zählte, entstand er aus einfachem Grund: Er ist billig. Viele Menschen können sich überall nur mit einem Ball vergnügen, der kann sogar aus Papier oder Lumpen bestehen. Für die Herrschenden ist der Arbeiter eine Nummer, ein Ding, das andere Dinge produziert. Aber beim Fußball wurden die Armen ihres eigenen Talentes gewahr, konnten ihre Intelligenz unter Beweis stellen und fanden so eine Identität. Identität - das bedeutet die Möglichkeit von Stolz, von Würde. Durch Fußball wurden sie jemand.

Das ist die Geschichte des Diego Maradona und seiner Verehrer. Zumindest ist es ihr erster Teil. Eines Tages kam Diego in die Umkleide der Boca Juniors, um mit mir zu sprechen, ich war zu der Zeit der Trainer dieser Mannschaft. Diego war der Inbegriff einer Person, der es schlecht geht, weil sie nicht das machen darf, was sie gern tun würde und am besten kann. Die eitlen Herren aus den Chefetagen hatten ihn gesperrt wegen eines positiven Dopingtests, man hatte Kokain bei ihm gefunden. Es war, wie wenn man Chopin eine Hand abhackt, damit er kein Klavier mehr spielt.

Wir hatten eine Unterhaltung, die man so nur führen kann, wenn man sich gegenseitig achtet. Ich wollte, dass er versteht, dass seine gesellschaftliche Stellung an den Ball und seine wundervolle Beziehung zum Ball - die er heute noch hat - gebunden war. Ich fragte ihn, ob er einen Film über Jesse James gesehen hätte, den berühmten Revolverhelden, der von allen geehrt wurde, der alles tun konnte - solange er seine Pistolen im Gürtel hatte. Aber eines Tages legte Jesse James den Gürtel ab, ließ ihn auf einem Tisch liegen und kehrte einem Unbekannten den Rücken zu. Während Jesse ein Bild zurechtrückte, erschoss ihn der arme Teufel mit seiner eigenen Pistole. Da schaute Diego mich verwundert an, mit einem Gesicht, das nur wenige kennen. Ich erklärte ihm: Der Ball vor deinen Füßen ist wie die Pistole von Jesse James. Sobald du ihn wieder hast, kehrt deine Zauberkraft zurück. Diego kam zurück und spielte eine weitere WM.

Und die Menschen warten noch immer auf ihn. Er träumt von seiner Rückkehr, und davon träumen auch die Fans. Sie begleiten ihn und warten - auch wenn es nur ein Traum bleibt. Deshalb wollte niemand diese Feier verpassen. Doch das ganze Fest machte nur Sinn in jenen Augenblicken, in denen Diegos linker Fuß tatsächlich den Ball berührte.

Wer ist eigentlich dieser Maradona? Dieser Diego, der nun dick und über 40 ist. Er wollte immer der Beste sein. Er liebte dieses Spiel von Geburt an mehr als alles in der Welt. So sehr, wie es nur wenige lieben. Der beste Spieler ist der, der es schafft, die meisten Spielsituationen zu meistern.

Diego wusste nicht von Geburt an alles. Er entdeckte die Geheimnisse des Spiels mit der Begeisterung eines Anfängers. Als wir zusammen beim FC Barcelona waren und er mit Bernd Schuster, dem Deutschen, im Mittelfeld zu kämpfen hatte, schaute mich Diego einmal mit seinem besten Gesichtsausdruck an, das ist der des kleinen Straßenjungen, der gerne Fußballspieler werden möchte. Und er sagte: "Cesar. Ich weiß, dass Schuster vieles hat, was ich nicht habe. Aber ich werde es kriegen. Und das, was ich habe, können die anderen nicht lernen." So war es. Wer will, dass ihn die Muse küsst, muss die Sinne öffnen. Jene, die sie am häufigsten küsst, sind die, die ihrem Wissen und Talent mit Arbeit nachhelfen. Er tat das.

Danach begann seine zweite Geschichte, die Verwirrung, die Einsamkeit, der gefährliche Abgrund des Erfolges und das Loben und Locken einer perversen Gesellschaft, die wollte, dass er sich an ihren Tisch setzte, und ihn glauben ließ, er sei einer von ihnen, um ihn als Exempel für sozialen Aufstieg herzuzeigen, das heißt Rechtfertigung des Systems. Sie trieb ihn - und auch Diego selbst wollte dieses Leben leben. Das Leben des Jetset, in dem er sich Stück für Stück selbst aufgab.

Nun ist Diego noch einmal zurückgekehrt, mit einem 44er Kaliber an den Füßen. Und trotz allem ist er am Leben, anders als Jesse James. Die Fans haben ein letztes Mal die Begeisterung für seine Herkunft und den Stolz der Zugehörigkeit verspürt. Ich habe mich wieder um den Diego mit dem Ball gekümmert - sollen sich die anderen um alles andere sorgen. Abgesehen von alldem, was mir als demagogisches und kommerzielles Spektakel erscheint: Was zählt, ist der Fußball. Ein anderer Junge aus einem anderen argentinischen Stadtviertel wird auftauchen, wird sich erinnern und diesen Spielstil in Ehren halten. Denn Diego wurde in Argentinien geboren und spielte unseren Stil. Und schon vorher gab es andere, die unseren Fußball berühmt machten, wie Di Stefano, Sívori, Pedernera, Kempes und viele mehr, die uns auszeichneten.

Aus dem Spanischen übersetzt von Karen Naundorf.

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