Sport : Aus Erfahrung klug

Die Spieler von Hertha BSC sollen sich im Abstiegskampf nicht auskennen – doch das stimmt gar nicht

Stefan Hermanns

Am Anfang ist der Abstiegskampf. Zum Beispiel auf der Homepage von Fredi Bobic, unter der Rubrik Von A bis Z. „Der Kampf um den Klassenerhalt ist gnadenlos“, berichtet der Stürmer des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Bobic kennt sich in dieser Frage bestens aus. Bei jedem seiner sechs Profivereine hat er gegen den Abstieg gespielt, bei den Stuttgarter Kickers, beim VfB, in Dortmund, Bolton, Hannover und jetzt bei Hertha. Am Anfang seiner Karriere, bei den Kickers, mühte sich Bobic vergeblich. 1994 stieg er in die Regionalliga ab. Doch für Bobic begann damit der persönliche Aufstieg. Er wechselte zum Lokalrivalen VfB, wurde Nationalspieler und Torschützenkönig.

Bobic wird mit seinen persönlichen Erlebnissen im sportlichen Überlebenskampf ganz gerne als Exot bei Hertha hingestellt. Trainer Hans Meyer zum Beispiel hat vor kurzem gesagt: „Ich höre immer wieder, dass wir so viele routinierte Spieler haben. Aber die Erfahrung im Abstiegskampf fehlt den meisten.“ Das soll erklären, warum Hertha sich mit der misslichen Situation so schwer tut. Der Haken ist: Meyers Argumentation stimmt gar nicht. Hertha als Mannschaft mag es im Abstiegskampf an Erfahrung mangeln, weil sich der Verein zuletzt fünfmal hintereinander für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert hat. Die meisten Spieler aber kennen sich mit dieser Situation bestens aus.

Christian Fiedler, Gabor Kiraly, Michael Hartmann, Dick van Burik, Pal Dardai und Andreas Schmidt haben schon 1997/98, im Aufstiegsjahr, für Hertha gespielt. Zwölfmal standen die Berliner in dieser Saison auf einem Abstiegsplatz, und noch im Herbst galt die Mannschaft als sicherer Absteiger. Am Ende belegte Hertha immerhin Platz elf.

Zwei Jahre zuvor war es noch ärger gewesen. Am 8. Juni 1996, dem letzten Zweitligaspieltag, musste Hertha in Wattenscheid antreten und brauchte noch einen Punkt, um den Abstieg zu verhindern. Das Spiel endete 0:0. Fiedler spielte im Tor, Hartmann wurde eingewechselt, und Niko Kovac stand in der Anfangself. Kovac wechselte anschließend nach Leverkusen und hatte bis zu seiner Rückkehr zu Hertha nichts mehr mit dem Abstieg zu tun. Für die Wattenscheider, die schon als Absteiger feststanden, spielte damals Giuseppe Reina. Der Stürmer, der inzwischen für Hertha spielt, stieg 1998 mit Bielefeld noch ein zweites Mal ab. Auch Artur Wichniarek erwischte es zweimal, beide Male mit Bielefeld (2000 und 2003).

Abgesehen von den jungen Spielern, die keine Erfahrung im Abstiegskampf haben, weil sie überhaupt keine Erfahrung haben, ist die Situation nur für Josip Simunic und Bartosz Karwan völlig neu. Arne Friedrich war in seiner ersten Profisaison mit Bielefeld lange gefährdet. Fünf Spieltage vor Schluss lag die Mannschaft noch auf einem Abstiegsplatz. Roberto Pinto landete 2001 mit dem VfB Stuttgart auf Platz 15. Bart Goor kämpfte zu Beginn seiner Karriere mit Verbroedering Geel zweimal gegen den Abstieg aus der zweiten belgischen Liga. Mit Erfolg. Marko Rehmer sicherte sich 1999 mit Hansa Rostock erst am letzten Spieltag den Verbleib in der Bundesliga, und Andreas Neuendorf wurde 1996 im Abstiegsendspiel zwischen Kaiserslautern und Leverkusen kurz vor Schluss für Rudi Völler eingewechselt. Mit einem Tor in der 82. Minute verhinderte Bayer damals den Sturz in Liga zwei. Selbst Marcelinho kennt den Abstiegskampf. In der Saison 2000/01 stand der Brasilianer bei Olympique Marseille unter Vertrag. Am Ende hatte die Mannschaft drei Punkte Vorsprung auf einen Abstiegsplatz.

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