Sport : Aus Spaß wird Ernst

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Die Paralympics haben es geschafft: Sie sind mit den Spielen von London endgültig vom belächelten Randereignis zur bejubelten Massenveranstaltung avanciert. Das besondere Olympia hat sich neu erfunden mit einer ganz einfachen, fröhlich vorgetragenen Botschaft: Nehmt uns Behinderte endlich ernst, anstatt uns Mitleid zu schenken.

Die Paralympics sind aber auch etwas geschafft – von sich selbst. Sie wirken, bei aller Begeisterung über jede sich selbst überwindende Leistung und über die fantastischen Tage in täglich ausverkauften Stadien, erstmals erschöpft von ihrem Erfolg und von den Dingen, die dieser in der Welt des Sports meist mit sich bringt: Anfälligkeit für Kommerz, Betrug, auch Neid.

So hart und öffentlich ist im Sport der Behinderten noch nie über das eigene Selbstverständnis gestritten worden. Wer soll warum in welcher Startklasse gegeneinander antreten und wer (aufgrund von sich andauernd ändernden Regeln) nicht? Welche technischen Hilfsmittel sind unter welchen Bedingungen erlaubt und wem sind sie (vielleicht aufgrund fehlender finanzieller Möglichkeiten) versagt? Inwieweit können Menschen mit eingeschränkten Schmerzfunktionen ihren Körper durch selbst zugefügte Verletzungen noch leistungsfähiger machen, wie (und von wem) soll das entdeckt werden? Auf all diese Fragen bekommt der von den Wettkämpfen des Willens faszinierte Zuschauer bislang zu wenige Antworten. Selbst viele Sportler fordern jetzt mehr Transparenz.

Bisher kann bei den Paralympics einem vierten Platz eine höhere körperliche Eigenleistung zugrunde liegen als dem Gewinn einer Goldmedaille. Macht es da wirklich Sinn, Medaillen zu zählen, wie es das inzwischen großflächig übertragende Fernsehen tut? Andererseits sind Siege das Barometer des Sports; besonders sie lenken den Blick der Öffentlichkeit auf einzelne Schicksale und Geschichten.

Der Behindertensport mit seinen großartigen Athleten hat es verdient, als Leistungssport ernst genommen werden. Dazu müssen die Verbände eine bessere Vergleichbarkeit der Leistungen sicherstellen. Die Paralympics sollten sich auf den Weg machen – zu sich selbst.

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