Sport : Ausgebrochen aus der Routine

Dem SCC kommt Liefkes Formanstieg gerade recht

Karsten Doneck

Berlin - Lange Busfahrten sind für ihn eine Quälerei. Marco Liefke kam deshalb auf die Idee, zu den Fahrten zu Auswärtsspielen neben der Sporttasche auch noch ein Kissen mitzubringen. „Um den Rücken zu stützen“, wie er sagt. Es hilft dem 2,06 Meter großen Volleyballer des SC Charlottenburg, in den engen Sitzreihen des Busses auch längere Strecken unbeschadet zu überstehen. Und ohne Rückenbeschwerden ging es bei Marco Liefke in dieser Saison wieder aufwärts. Sein Trainer Michael Warm sagt: „Marco ist lockerer, er hat wieder mehr Spielfreude und ist einer der Guten in der Bundesliga.“ Die Charlottenburger brauchen einen Liefke in dieser Form, haben sie doch in den Play-offs um die deutsche Meisterschaft einen schweren Weg vor sich. Heute (15 Uhr, Sömmeringhalle) beginnt die Viertelfinal-Serie mit einem Heimspiel gegen Bayer Wuppertal. Zwei Siege aus maximal drei Spielen sind zum Weiterkommen nötig.

Michael Warm gibt zu, er sei „vor der Saison sehr skeptisch gewesen“, ob Liefke, 31 Jahre alt, noch mal zu der Form zurückfinden würde, die ihm in seiner Karriere zu 225 Länderspielen verholfen hat. Die Leistungen des gebürtigen Schweriners hätten schließlich seit zwei Jahren „deutlich nachgelassen“. Immer wieder hinderten Liefke irgendwelche „Wehwehchen“, wie er selbst sagt, an der Entfaltung voller Leistungskraft: War der Rücken mal in Ordnung, schmerzten die Knie, und umgekehrt. Der Knick in der Leistungskurve war auch psychologisch begründet. Warm: „Dass jemand mal eine schwächere Phase hat, wenn er aus der Nationalmannschaft zurücktritt, ist normal.“

Zurückgetreten ist Marco Liefke aus der Nationalmannschaft eigentlich nie. Jedenfalls nicht offiziell. Vor zwei Jahren führte Liefke mal ein Telefongespräch mit Bundestrainer Stelian Moculescu. Es wurde viel geredet, am Ende versicherte Moculescu, er würde zurückrufen. Der Anruf kam nie. „Egal, das ist Vergangenheit“, sagt Liefke gleichmütig. Dabei hätte er allen Grund, angesäuert zu sein. Seine Verabschiedung aus der Nationalmannschaft geschah herzlos: kein Dankeschön, keine netten Worte, weder vom Bundestrainer noch vom Deutschen Volleyball-Verband – trotz 225 Länderspielen.

Marco Liefke hat vielleicht auch durch den Trainerwechsel beim SC Charlottenburg noch einmal einen Schub bekommen. Mirko Culic war nach der vorigen, für den SCC mit Platz vier überaus enttäuschenden Saison durch Warm ersetzt worden. „Routine ist gefährlich“, lautet einer von Warms Trainingsgrundsätzen. Also erprobte er Neues. Im Block wurde eine neue Technik einstudiert, zudem bemüht sich der SCC jetzt um temporeichere Angriffe. Das Training zeigte Wirkung, auch bei Liefke. „Im Durchschnitt habe ich in dieser Saison deutlich besser geblockt, ich habe da auch relativ viel dran gearbeitet“, sagt der Diagonalangreifer.

Marco Liefke will auch über das Saisonende hinaus weiter hochklassig Volleyball spielen, denkt derzeit aber auch viel an seine berufliche Zukunft. Ein Praktikum möchte er beginnen, vielleicht auch die Prüfung zum Volleyball-Trainer ablegen. Noch ist nichts spruchreif, nur so viel: „Mit 67 geht man ja wohl demnächst in Rente. Bis dahin wird’s für mich schwierig, Volleyball zu spielen“, sagt er.

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