Sport : Ausgeknickst

Wimbledon verliert den Respekt vor der königlichen Loge – und bleibt das faszinierendste Tennisturnier der Welt

Benedikt Voigt

Berlin. Es stand schon mal besser um Hofknicks und Verbeugung. Zum Beispiel im Jahr 1907, als der damalige Prinz von Wales und spätere König Georg V. das Tennisturnier in Wimbledon besuchte, um es, wie der „Guardian“ bemerkt, „nach einer der fast schon traditionellen Regen bedingten Unterbrechungen wieder zu verlassen“. In jener Zeit aber, in der sich Ihre Hoheit in der königlichen Loge auf dem Centre Court aufhielt, begannen die Spieler eine Tradition, die noch Jahre, ach was, Jahrzehnte Bestand haben sollte. Jede Spielerin beugte fortan vor der königlichen Loge die Knie, jeder Spieler deutete eine Verbeugung an. Dann kam das Jahr 2003.

In diesem Jahr nämlich gelangte der Herzog von Kent zu der Erkenntnis, „dass die Tradition des Hofknickses und des Verbeugens im Niedergang ist“. Für die am Montag startenden 117. All England Championships in Wimbledon hat dies geradezu revolutionäre Auswirkungen: Die traditionelle Ehrenbezeugung aus dem Jahr 1907 vor der königlichen Loge wird abgeschafft. „Dies öffentlich auf dem Centre Court zu machen, schien nicht mehr richtig“, sagt Tim Phillips, der Vorsitzende des All England Lawn Tennis Club (AELTC). Lediglich wenn Königin Elisabeth II. oder Prinz Charles erscheint, ist in diesem Jahr auf dem Centre Court noch Knicks oder Verbeugung gefragt. Eine Tradition des traditionsreichsten Tennisturniers steht vor ihrem Ende, was zu der Frage führt: Muss man sich um Wimbledon sorgen?

Wenn Günther Bosch das Wort Wimbledon hört, verspürt der ehemalige Trainer von Boris Becker ein Kribbeln. „Wimbledon ist die Weltmeisterschaft im Tennis“, sagt der Tennistrainer, der in Monte Carlo lebt. „Es ist das wichtigste Turnier im Jahr.“ Sportlich hat das Turnier von seiner Faszination nichts verloren. Bosch wird in der kommenden Woche in Bad Saarow seinen Tennisschülern abends die aktuelle Aufzeichnung aus Wimbledon auf Video vorspielen. „Ich werde dann kommentieren, wo die Probleme liegen.“ Eigentlich kann er schon jetzt sagen, wo das Hauptproblem in Wimbledon liegt: vor den Füßen der Spieler.

Gras ist der schnellste Untergrund im Tennis, weshalb die Punkte beim Rasentennis im Regelfall sehr schnell erzielt werden. Außerdem springen die Bälle auf Rasen niedriger. „Der Aufschlag ist in Wimbledon die Hauptwaffe“, sagt Günther Bosch. „Echtes Rasentennis wird am Netz entschieden, und es beinhaltet auch Akrobatik, Hechtsprünge zum Beispiel.“ Redet hier jemand über Boris Becker? Aber auch Pete Sampras, der in den Neunzigerjahren in Wimbledon siebenmal gewann, hat das Serve-and-Volley-Spiel auf Rasen perfektioniert. Im letzten Jahr säten die Verantwortlichen in Wimbledon eine Grassorte, auf der die Bälle nicht mehr ganz so schnell wurden. „Das war nicht mehr das echte Rasentennis“, sagt Günther Bosch, der Rasenfreund. Im Finale der Herren standen sich in Lleyton Hewitt und David Nalbandian zwei Grundlinienspezialisten gegenüber. Obwohl Pete Sampras bereits abgesagt hat, hofft Bosch, dass sich das in diesem Jahr wieder ändert. „Der Schweizer Roger Federer ist mein Favorit“, sagt Bosch, „oder der Niederländer Martin Verkerk, der entscheidet auch viele Punkte am Netz.“

Aber Wimbledon ist mehr als nur ein Spiel auf Rasen. „Das ganze Drumherum macht Wimbledon aus“, sagt Bosch. Dazu zählt die Schlange der Zuschauer, die sich täglich vor dem Tor drei Stunden lang in Geduld übt, um eines der wenigen Tagestickets zu erhalten. Der All England Lawn Tennis Club sieht sich inzwischen großem Druck der Nachbarn und der Polizei ausgesetzt, um „excessive queuing“ zu verhindern. Die Zuschauer sollen nicht mehr im Londoner Stadtteil SW19 vor den Toren der riesigen Anlage über Nacht campieren oder grillen.

Außerdem, das konnte König Georg V. schon im Jahr 1907 feststellen, gehören auch die ständigen Regenunterbrechungen dazu. Wenn dunkle Wolken aufziehen, ist das Abdecken der Plätze für die Helfer eine sekundenschnelle Routine. Eine „Wet Weather Policy“ regelt minutiös die Rechte der Spieler und die Rechte der Zuschauer bei schlechtem Wetter. Bei weniger als einer Stunde Tennis am Tag bekommen die Zuschauer ihr gesamtes Geld zurück. Bei weniger als zwei Stunden gibt es immerhin noch die Hälfte des Eintrittspreises erstattet.

Die Spieler wissen sich längst während der zuweilen stundenlangen Unterbrechungen zu beschäftigen. „Sie spielen Schach oder Backgammon im Aufenthaltsraum oder essen eine Kleinigkeit im Spielerrestaurant“, berichtet Bosch, der als Trainer von Boris Becker zweimal in Wimbledon siegte.

Die riesige Anlage mit ihren 19 Tennisplätzen, dem Museum, dem Pressezentrum, den Geschäften, Cafés, Restaurants und dem Klubhaus wird in jedem Jahr ergänzt und weitergebaut. „Hier ist immer etwas los“, sagt die Dame vom PR-Office des AELTC. Nach dem Turnier im Juli dürfen die 357 Mitglieder des Klubs die Anlagen nutzen. Allerdings nicht den Centre Court und den Platz Nummer eins. Diese Plätze durften traditionell nur gestern einige ältere Vereinsmitglieder betreten, um vor dem Turnierstart den Rasen zu testen.

Finanzielle Sorgen kennt das Turnier nicht. 25 Millionen Pfund, genauer 25 626 034 Pfund, Überschuss erwirtschaftete der All England Lawn Tennis Club im Jahr 2002. Eine Summe, über die die Veranstalter der German Open an der Berliner Hundekehle und des Hamburger Rothenbaum-Turniers nur staunen können und die dem englischen Tennisverband zugute kommt. „Wir dürfen die einzelnen Einnahmeposten nicht aufschlüsseln“, erklärt die PR-Frau des AELTC, „aber die Haupteinnahmen machen die Fernsehrechte aus.“ Der AELTC kann es sich daher leisten, in diesem Jahr 14,9 Millionen Dollar Preisgeld für die Spieler auszuloben. Merchandising und Zuschauereinnahmen bringen ja auch noch das eine oder andere Pfund.

Und dann werden ja auch noch die berühmten Erdbeeren mit Sahne kredenzt. Was ist eigentlich so toll an diesen Früchten, dass jeder sie mit Wimbledon in Verbindung bringt? „Sie sind doppelt so teuer wie normal“, sagte Günther Bosch. Aus dem Hintergrund unterbricht ihn seine Frau. „Das stimmt nicht“, sagt Frau Bosch, „sie sind dreimal so teuer.“

Es sieht jedenfalls so aus, als müsse man sich auch in diesem Jahr um Wimbledon keine Sorgen machen.

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