Sport : Ausgespielt

Der Fußballer Steffen Karl wurde verhaftet – auch er soll manipuliert haben

F. Bachner[R. Ide],T. Buntrock[R. Ide],A. Goerke[R. Ide],A.

Berlin - Gegen 11 Uhr schlug das Mobile Einsatzkommando der Berliner Polizei in Chemnitz zu: Der 35 Jahre alte Fußballprofi Steffen Karl, Spieler des Regionalligisten Chemnitzer FC, war gerade dabei, in das Auto seiner Lebensgefährtin einzusteigen, als die Polizisten ihn festnahmen. Karl wurde im Zusammenhang mit dem Wettskandal inhaftiert. Gegen ihn besteht, so die Staatsanwaltschaft, dringender Tatverdacht des gewerbs- und bandenmäßigen Betruges, der versuchten Verbrechensabrede sowie der versuchten Nötigung. Der Chemnitzer FC suspendierte Karl nach dessen Festnahme und behält sich weitere Schritte vor. Eine Ermittlungsrichterin des Amtsgerichts Tiergarten hatte den Haftbefehl verkündet und U-Haft angeordnet. Nachbarn beobachteten, wie Karl später in Handschellen aus der Wohnung, in der er mit seiner Freundin lebt, abgeführt worden ist. „Die beiden wohnen noch nicht lange hier“, erzählt ein Nachbar.

Der Ex-Profi, der von 1995 bis Anfang 1999 bei Hertha BSC unter Vertrag stand, soll im Mai 2004 mit dem Kroaten Ante S., der als zentrale Figur im Manipulationsskandal gilt, einen Deal verabredet haben. Ante S. soll viel Geld auf einen Sieg des SC Paderborn im Regionalligaspiel gegen Chemnitz gesetzt haben. Das Spiel leitete Skandal-Schiedsrichter Robert Hoyzer. Karl sollte im eigenen Strafraum einen Paderborner Spieler so foulen, dass Hoyzer einen zweifelsfreien Strafstoß pfeifen konnte. Das Spiel endete 4:0 für Paderborn, es gab auch zwei Elfmeter für den SC, aber in beiden Fällen hatte nicht Karl diese Strafstöße verursacht.

Zudem soll Karl dem früheren Cottbuser Torhüter Georg Koch ein Angebot gemacht haben: Wenn Koch im Spiel von Cottbus gegen Jahn Regensburg einen Fehler mache, der zu einem Gegentor führe, erhalte er 20 000 Euro. Koch lehnte ab. Cottbus gewann 3:0. Koch, der inzwischen für den Zweitligisten MSV Duisburg spielt, hatte im Januar dem DFB den Vorfall gemeldet. Ein Mann namens „Steffen Karl“ habe sich telefonisch bei ihm gemeldet. Bevor Koch den Vorfall öffentlich machte, soll Karl angeblich einen Dritten beauftragt haben, Koch einzuschüchtern. Dieser Unbekannte hat Koch zum Schweigen aufgefordert, andernfalls werde ihm „etwas passieren“. Karl bestreitet die Vorwürfe. Sein Verteidiger Andreas Batholomé sagte dem Tagesspiegel: „Herr Koch erinnert sich im Januar an ein Gespräch im Mai, bei dem sich ein Mann mit dem Namen Karl gemeldet haben soll. Auf dieser Aussage beruht die ganze Anschuldigung.“ Auch die Aussagen Hoyzers über Karl haben nach Ansicht Bartholomés keine Substanz: „Bisher kennt mein Mandant nur dunkle Andeutungen. Er ist einem Herrn Hoyzer nie begegnet und hatte nie Kontakt mit ihm.“ Bartholomé kritisierte, dass er erst jetzt Akteneinsicht bekomme. Sein Mandant hätte bereits viel früher aussagen können, wenn er diese Möglichkeit bekommen hätte. „Das haben wir auch dem Kontrollausschuss des DFB gesagt“, sagte Bartholomé. Karl soll sich am Montag zu den Anschuldigungen äußern.

Frank Rohde, der frühere Trainer des Chemnitzer FC, hat Karl einst nach Sachsen geholt, beide spielten in den Neunzigerjahren bei Hertha BSC. Als er von der Verhaftung Karls hörte, war er irritiert. Vergangene Woche habe er noch mit ihm telefoniert. „Da wirkte er nicht nervös.“

Die DFB-Spitze zeigte sich überrascht. „Wir haben das Ziel, den Skandal bis zum Bundestag im April abzuschließen“, sagt DFB-Vizepräsident Hans-Georg Moldenhauer. „Das wird jetzt immer schwieriger.“ Moldenhauer wundert sich, dass Hoyzers Aussagen so viel Gewicht haben. „Alles, was er sagt, wird für bare Münze genommen. Dabei ist er doch der Verbrecher.“ Gerhard Mayer-Vorfelder vermutete, dass der Skandal nicht weiter eskalieren wird. „Ich glaube nicht an die Eisberg-Philosophie“, sagte der DFB-Präsident. „Was die Schiedsrichter betrifft, rechne ich mit keinen weiteren Enthüllungen.“

In Steffen Karl sitzt nun erstmals ein Spieler im Gefängnis – einer der in den vergangenen Jahren einen Abstieg erlebte. Ab Herbst 2000 schloss sich Karl nach vielen Stationen den Sportfreunden Kladow an, einem Kreisliga-Klub im Südwesten Berlins. Im benachbarten Groß-Glienicke soll er eine Kneipe gehabt haben, die er mittlerweile aber aufgegeben hat. Insider der Bundesliga-Szene sagen, dass Steffen Karl bereits in Dortmund ein Alkohol-Problem gehabt habe, zudem sei er ein „labiler Charakter gewesen, vor allem, was den Umgang mit Geld angeht“. In Chemnitz sei Karl mit „acht Kilo Speck“ aufgetaucht, erzählt Rohde. „Die hat er aber abtrainiert. Er war eine Führungsperson.“

Am vergangenen Sonnabend musste Karl einen weitere Niederlage hinnehmen. Der Verein entließ Trainer Dirk Basikow aus sportlichen Gründen. Der Coach musste gehen, sein Spieler Karl verlor seine Doppelfunktion als Kotrainer. Dass er kurz darauf sogar ins Gefängnis gehen würde, ahnte noch niemand.

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