Sport : Austrian Open in Kitzbühel

Benedikt Voigt

Land der Berge, Land am Strome
Land der Äcker, Land der Dome
Land der Hämmer, zukunftsreich
Heimat bist du großer Söhne
Volk, begnadet für das Schöne
Vielgerühmtes Österreich.
Erste Strophe der österreichischen Nationalhymne

Ach, wenn doch immer Winter wäre. Niemand würde Austria mit Australien verwechseln oder fragen, warum die österreichische Fußball-Nationalmannschaft nicht bei der WM in Japan und Südkorea vertreten ist. Alle würden sie reden von diesen Naturburschen, diesen wilden Hunden, die sich auf zwei Brettern auch die steilste Piste hinunterstürzen. "Im Winter sind wir wer", stellen die "Salzburger Nachrichten" fest, "ein Land reich an Helden."

Gestern gebar Kitzbühel wieder einen jener Helden für die österreichische Skination. Weil Stephan Eberharter nach dem Super-G vom Freitag auch die berüchtigte Hahnenkammabfahrt gewann, gesellt sich "der Steff", wie ihn fast das ganze Land zärtlich nennt, zu den anderen großen Österreichern: Von Karl Schranz über Franz Klammer oder Peter Wirnsberger, ihnen allen ist gemein, dass sie die 3312 Meter vom Hahnenkamm bis zur Rasmusleitn unfallfrei und vor allem am schnellsten hinabfuhren. 50 000 Zuschauer bejubelten gestern den Führenden des Gesamtweltcups Eberharter, der auf der Streif seiner Favoritenrolle gerecht wurde. "Im Training war ich nervöser als heute", sagte der 32-Jährige, "das wundert mich selber." Der Norweger Kjetil Andre Aamodt hatte mit 1:54,58 eine starke Zeit vorgelegt, doch Eberharter fuhr noch 37 Hundertstelsekunden schneller. "Stephan Eberharter ist im Moment eine Nummer zu groß für mich", sagte Aamodt. Auf Platz drei konnten die Österreicher einen weiteren Landsmann bejubeln: Hannes Trinkl.

Eberharter ist in dieser Saison der Star im alpinen Weltcupzirkus. Mit dem Doppel-Erfolg von Kitzbühel gewann er bereits sein sechstes Weltcuprennen. Sein neuer Status als Volksheld lässt den Skirennfahrer jedoch kalt. "Ich bin jetzt in einem Alter, in dem einen so etwas nicht mehr drausbringen sollte." In den vergangenen drei Jahren stand Eberharter immer im Schatten seines überragenden Landsmanns Hermann Maier. Mit ihm verbindet ihn eine innige Feinschaft. Erst nach Maiers schwerem Motorradunfall ist Eberharter zum besten Skifahrer Österreichs geworden. Allerdings besitzen nun alle seine Erfolge einen Makel. Immer steht die Frage im Raum, ob er auch gewonnen hätte, wenn sein Intimfeind ebenfalls an den Start gegangen wäre. Doch Maier ist verletzt, und so müssen die Scheinwerfer der Fernsehkameras auf Stephan Eberharter schwenken.

Eberharter und das österreichische Männerteam haben die Erwartungen der 50 000 Zuschauer mehr als erfüllt. Ab acht Uhr schaufelten Sonderzüge die Fans zum Bahnhof unter dem Hahnenkamm, der übrigens aus der Ferne auch so aussieht, wie er heißt. Einige Fans hatten die Nacht sogar in einem der engen Bankautomatenhäuschen verbracht. Den rotweißroten Almauftrieb am Morgen machten auch einige der wichtigsten Österreicher mit. Neben dem Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider ließ sich auch die Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (beide FPÖ) das Spektakel nicht entgehen. Und DJ Ötzi durfte in einer Art Raumanzug die Massen dirigieren. Nach dem Rennen verwandelte sich Kitzbühel dann in die größte Freiluftdisko Österreichs.

Das Schöne für Österreich ist ja auch, dass der große Nachbar Deutschland keine Rolle spielt. Kein einziger Starter war gestern in Kitzbühel an den Start gegangen. Ob sie wohl Angst hätten vor der 140 km/h schnellen und bis zu 85 Prozent steilen Strecke, frozzelten die Österreicher. Nur auf der Ehrentribüne waren in Deutschland wohl bekannte Namen gut vertreten. Vom Pornostar Dolly Buster bis zu den beiden boxenden Brüdern Witali und Wladimir Klitschko reichte das Prominentenaufgebot. Wer denn gewinnen werde, wurde Wladimir Klitschko gefragt: "Ich glaube, der Stärkste wird gewinnen."

Er hätte auch "ein Österreicher" sagen können. Sechs Fahrer des Österreichischen Ski-Verbandes fuhren unter die ersten zehn. Der alpine Männerweltcup wandelt sich zu einer Österreichischen Meisterschaft. Als gestern auch noch in Berchtesgarden der Weltcupsieg der Österreicherin Michaela Dorfmeister im Riesenslalom fest stand, meldete der Moderator im österreichischen Fernsehsender ORF 1: "Erfolge an allen Fronten." Ach, wenn doch immer Winter wäre.

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