AUSWÄRTS Spiel : 1. FC Union – VfB Hermsdorf

2. April 2008, 19.30 Uhr, Alte Försterei: Halbfinale im Berliner Landespokal

Sebastian Siegm

Als ich fünf Minuten vor dem Anpfiff in der Alten Försterei ankomme, lande ich aus Versehen mit ein paar VfB-Hermsdorf-Supportern zusammen inmitten von Union-Fans. Von Ordnern werden wir mit den netten Worten „Aber heult nachher nicht zu sehr“ freundlich in den Gästeblock geschickt. Dort stehen verstreut in Dreier- und Vierergrüppchen ungefähr 25 Hermsdorfer. Die wenigsten kennen sich, fast alle sind gekommen, weil sie einen Verwandten oder einen Kumpel unter den Spielern der Verbandsliga-Truppe haben. Ich feuere meinen Schwager an. Union ist überlegen, kein Wunder: Immerhin spielen hier Regionalliga-Profis gegen Fünftligisten, die großen Wert darauf legen, nach dem Spiel eine Kiste Bier in der Kabine zu haben.

In der ersten Halbzeit verletzt sich ein VfB-Spieler am Kopf, kommt aber wie einst Dieter Hoeneß mit blutigem Turban zurück aufs Feld. Bei Halbzeit steht es noch 0:0, es regnet unaufhörlich, der Rasen verwandelt sich in Matsch. Alle spüren: Da geht heute was. Nach der Pause trifft Union und geht 1:0 in Führung, aber wir gleichen fast im Gegenzug aus. Mittlerweile ist aus den Grüppchen eine verschworene Fangemeinde geworden. Als unser Torwart in der 82. Minute einen Foulelfmeter pariert, explodiert die 25-Mann-Kurve regelrecht. Der VfB rettet das 1:1 wunderbar über die Zeit und auch durch die Verlängerung. Die Auslosung ergibt: Das Elfmeterschießen wird vor unserem Block ausgetragen. Selbst nicht mehr ganz junge Frauen klettern auf den Zaun, um das Team zu unterstützen und näher dran zu sein. Knapp 2000 Unioner sind im Stadion – wir sind trotzdem lauter: „Nord! Nord! NORD-BER-LIN!“ Unser Torhüter hält noch zwei Elfmeter, den 18. Strafstoß schießt Union neben das Tor. Die Freizeitkicker vom VfB Hermsdorf werfen den großen 1. FC Union aus dem Pokal.

Ich habe schon viel im Fußball erlebt, seit 18 Jahren gehe ich zu Spielen. Mit dem 1. FC Köln war ich in fast allen Stadien der Ersten und Zweiten Liga, Arsenal London habe ich nach Madrid, Barcelona und bis ins Champions-League-Finale nach Paris begleitet. Aber diesen verregneten Mittwochabend werde ich als das mit Abstand größte Fußball-Erlebnis in Erinnerung behalten, bei dem ich je dabei sein durfte. Sebastian Siegmund

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben