Balco-Affäre : Kontrolle verloren

Der Dopingskandal um die Designerdroge THG erschüttert den gesamten Sport in den USA

Matthias B. Krause

Die Schockwellen reichen von Küste zu Küste. Die Enthüllungen der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (USADA), wonach eine Reihe von Athleten systematisch eine neue, bislang unentdeckte Designerdroge nutzen, erschüttern den gesamten Sport der USA. In Kalifornien gerieten zahlreiche Athleten unter Erklärungszwang, warum sie mit der in San Francisco ansässigen Firma Balco zusammenarbeiten, die in Verdacht steht, illegale Substanzen vertrieben zu haben. In Cleveland stellte das Nationale Olympische Komitee (USOC) dem amerikanischen Leichtathletikverband (USTF) ein Ultimatum, bis zudem er die Doping-Angelegenheiten klären solle. Sonst droht die Aberkennung des Verbandsstatus. In New York kündigte die National Football League (NFL) an, sie werde ihre Spieler künftig auf das fragliche anabole Steroid Tetrahydrogestrinone (THG) testen.

„Ich gebe eindeutig zu, dass wir ein Problem haben“, sagte USTF-Geschäftsführer Craig Masback, „solange es auch nur einen einzigen Athleten gibt, der betrügt und damit davonkommt, haben wir ein Problem.“ Nach Ansicht der Anti-Doping-Agentur handelt es sich bei dem neuen Skandal allerdings nicht um Einzelfälle, sondern um systematischen Betrug, der wahrscheinlich nicht nur die Leichtathletik betrifft. Bislang sind nach übereinstimmenden Zeitungsberichten sechs Athleten positiv auf THG getestet worden, der derzeit weltbeste Kugelstoßer Kevin Toth ist einer von ihnen.

Sein Agent John Nubani sagte der „Washington Post“, Toth sei sich wahrscheinlich nicht darüber im Klaren gewesen, dass THG ein anaboles Steroid sei, weil es nicht auf der Verbotsliste des IOC stehe. Sein Mandant sei bislang nie positiv getestet worden. „Alles, was ich weiß, ist das, was er mir gesagt hat“, sagte Nubani, „demnach war THG Teil seines Paketes von Nahrungsergänzungsmitteln, die er zu sich nimmt.“ Das bekommt er von der Firma Balco, zu deren Klienten neben den Sprinterinnen Kelly White und Marion Jones auch der Baseball-Star Berry Bonds und zahlreiche weitere Top-Athleten gehören.

Gerichtsvorladung für 40 Top-Athleten

40 von ihnen haben in den vergangenen Tagen eine Gerichtsvorladung erhalten. Die amerikanischen Behörden ermitteln gegen Balco wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Bei diesem Verfahren könnten weitere pikante Details auch in den Dopingfällen ans Licht kommen, wenn ermittelt wird, wie viel Geld an Balco floss und wofür die Athleten es bezahlten. White bestätigte der „Washington Post“, dass sie vorgeladen wurde, bestritt aber, ebenfalls THG genommen zu haben. Trotzdem muss sie fürchten, ihre beiden Goldmedaillen von den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris zu verlieren, weil sie der Einnahme des verbotenen Stimulanzmittels Modafinil überführt worden war. Wie sich jetzt herausgestellt hat, verwendete sie es auch schon bei den US-Meisterschaften.

Balco-Eigentümer Victor Conte wehrte sich unterdessen in E-Mails an verschiedene US-Medien gegen die Vorwürfe. Er habe nichts Falsches getan, weil THG weder ein Steroid noch illegal sei, schreibt der ehemalige Rockmusiker darin laut „San Francisco Chronicle“. Er warf der Anti-Doping-Agentur vor, sie habe große Teile der Skandal-Geschichte erfunden. „Meiner Meinung nach geht es bei dieser Sache mehr um Politik als um Wissenschaft“, schrieb Conte weiter, „es gibt null Beweise dafür, dass THG irgendwelche anabolen Effekte hat.“

Das USOC setzte unterdessen eine dreiköpfige Untersuchungskommission ein, die dem Leichtathletikverband Druck machen soll. Bislang hatte er sich in Dopingfällen stets sehr widerspenstig verhalten. Im vergangenen Monat musste sich deshalb das USOC im Schweizer Hauptquartier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) für seine lasche Anti-Doping-Politik in den Achtziger- und Neunzigerjahren verantworten. Zu den strittigen Fällen gehörte auch der des US-Sprinters Jerome Young, der vor den Olympischen Spielen in Sydney positiv getestet worden war, aber trotzdem starten durfte. Bei der Weltmeisterschaft in Paris gewann er die Goldmedaille über 400 Meter.

Der Leichtathletik-Verband weigerte sich bis zuletzt, den Namen des Betroffenen herauszugeben. Erst im August dieses Jahres enthüllte die „Los Angeles Times“ die Identität des Athleten. Richard Pond, Chef der Welt-Doping-Agentur, zeigte sich denn auch von dem neuen Skandal wenig verwundert: „Wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, wird nur noch klarer, dass USTF total die Kontrolle verloren hat.“

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