Barcelona : Formel 1: Kampf in der Gemeinschaftsküche

Alle Formel-1-Teams erhoffen sich in Barcelona einen Schritt nach vorn – BMW braucht ihn am nötigsten.

Christian Hönicke[Barcelona]

Wenn man sich die Formel 1 als eine Art Wohngemeinschaft vorstellt, dann ist der Circuit de Catalunya so etwas wie die Gemeinschaftsküche. Irgendwie ist hier vor den Toren von Barcelona immer etwas los, jeder kommt mal rein, ein Ort der ständigen Begegnung. „Leider habe ich als Spanier hier keinen Heimvorteil, denn das hier ist die Heimstrecke von allen“, sagt der zweifache Weltmeister Fernando Alonso vor seinem Heimrennen am Sonntag. „Hier gibt es eine Menge Testfahrten, wir alle kennen die Strecke sehr gut.“ Neben dem Klima, das auch im Winter Tests erlaubt, liegt das vor allem daran, dass die anspruchsvolle Piste als ultimativer Test für die Schnelligkeit eines Wagens gilt. So auch an diesem Wochenende: Der Große Preis von Spanien weist die Richtung für den Rest der Saison.

Kein Wunder also, dass die Rennställe zum Start der Europasaison große Veränderungen mitbringen. Vor allem die einstigen Platzhirsche erhoffen sich nach einem enttäuschenden Saisonstart einen Sprung nach vorn: Ferrari, das Weltmeisterteam McLaren-Mercedes, aber zuallererst BMW-Sauber. Als selbsternannte WM-Mitfavoriten in die Saison gestartet, kamen die BMW-Piloten Robert Kubica und Nick Heidfeld beim vergangenen Rennen in Bahrain als Letzte ins Ziel.

„Jeder ist enttäuscht darüber, aber am meisten sind wir es selbst“, sagt Mario Theissen. Der Teamchef gibt zu, es sei möglicherweise ein Fehler gewesen, die Politik der kleinen, aber stetigen Entwicklungsschritte am Auto aufzugeben. Das sieht auch Heidfeld so: „Durch das neue Regelwerk sind manchmal zehn Autos innerhalb von ein paar Zehntelsekunden. Da wäre es richtig gewesen, immer mal wieder kleine Schritte zu machen.“

Doch das Team hat auf den großen Schritt gesetzt, und der soll nun in Barcelona erfolgen. Mit der wohl aufwendigsten aerodynamischen Weiterentwicklung aller Teams reiste BMW nach Barcelona. „Es ist ein großes Update des Autos. Das Aerodynamikpaket sollte eine halbe Sekunde pro Runde wert sein“, glaubt Theissen. Genau sagen kann er das aber noch nicht. „Durch das Testverbot konnten wir das bisher nur am Computer errechnen.“ Der erste Auftritt in der Realität beim Freien Training am Freitag ließ den erhofften Effekt nur erahnen: Die BMWs landeten im hinteren Mittelfeld.

In jedem Fall enthält das Paket zwei Überraschungen: Weder das von BMW vor der Saison vehement geforderte Energierückgewinnungssystem Kers noch der wundersame Doppeldiffusor, der die Brawn-Autos so schnell macht, sind an Bord. „Wir haben den Doppeldiffusor zu unserem neuen Paket hinzugefügt, das hat aber keine Verbesserung gebracht“, sagt Theissen. „Also fahren wir erstmal ohne.“ Und Kers, Theissens Lieblingsprojekt, das er gegen den Widerstand der anderen Teams in die Formel 1 boxte? „Wir haben herausgefunden, dass Kers nicht der große Vorteil ist, den manche sich vor der Saison erhofft haben“, räumt Heidfeld ein. „Aber wir arbeiten noch immer daran und planen, es in Istanbul gemeinsam mit dem Doppeldiffusor im Auto zu haben.“

Bis dahin wird BMW wohl wieder auf den Pfad der Tippelschritte zurückgekehrt sein – Theissen kündigte bereits einige weitere Verbesserungen an. Anders als im Streit um die Budgetobergrenze sieht er wegen der Misere die Zukunft der Münchner in der Formel 1 nicht gefährdet: „Das ist eine sportliche Momentaufnahme, man muss auch mal schlechte Phasen überstehen. Der Kampfgeist ist da.“ Das große Ziel WM-Titel ist dennoch auch mit noch so viel Kampf erst einmal in weite Ferne gerückt. „Wir müssen realistisch sein: Wir werden dieses Jahr wohl kaum noch um die WM mitfahren“, sagt Theissen. „Ich wäre froh, wenn wir am Ende der Saison sagen könnten, dass wir nach einem enttäuschenden Start noch die Wende geschafft haben.“

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