Baseball: Toronto Blue Jays : Kanada sieht blau

Seit 22 Jahren hat kein kanadisches Team mehr einen Titel in einer großen Profiliga Nordamerikas geholt. Nun fiebert das ganze Land in den Baseball-Play-offs mit den Toronto Blue Jays mit.

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Nur nach Hause. Torontos Edwin Encarnacion haut tüchtig drauf.
Nur nach Hause. Torontos Edwin Encarnacion haut tüchtig drauf.Foto: dpa/Lane

TJ Mulock hat sich in Schale geworfen. Der Stürmer der Eisbären Berlin trägt an diesem Nachmittag mal keine Eishockey-Ausrüstung. Mulock hat sich das Trikot des Baseball-Teams Toronto Blue Jays übergezogen und dazu die passende Kappe aufgesetzt. In diesen Tagen muss der gebürtige Kanadier den Spagat zwischen der Professionalität eines Berufssportlers und der Leidenschaft eines Fans hinbekommen. Wie Mulock geht es derzeit vielen in Kanada. Normalerweise ist das Anfang Oktober nicht ungewöhnlich, denn dann startet die neue Saison in der National Hockey League (NHL), der besten Eishockey-Liga der Welt. Doch in diesem Herbst ist alles anders. Erstmals seit 22 Jahren haben die Toronto Blue Jays die Play-offs in der Major League Baseball (MLB) erreicht. Und plötzlich entdeckt ein ganzes Land seine Liebe zum Baseball neu. „Die Leute spielen verrückt“, weiß Mulock zu berichten. „Die Unterstützung ist nicht nur auf Toronto beschränkt, sie erfasst die komplette Nation bis rüber nach British Columbia.“

Der deutsche Eishockey-Nationalspieler Mulock ist dort geboren, genauer gesagt in Langley. Den letzten Titelgewinn der Blue Jays erlebte er als Achtjähriger. Danach aber wurde es ruhig um das Team aus Ontario. „Toronto hat schon seit Längerem ein gutes Team beisammen und auch in den vergangenen Jahren oft gut angefangen, aber dann kam der große Einbruch“, erzählt Mulock. Und damit schwand auch das Interesse an Baseball in Kanada. Denn die Blue Jays sind das einzige MLB-Team des Landes. Wer in Toronto spielt, spielt gleichsam für ein ganzes Land. Derzeit scheint die Liebe zu den Blue Jays grenzenlos zu sein. „Fast alle Spiele sind ausverkauft. Die Begeisterung im Stadion ist fast so wie beim Eishockey. Nach jeder gelungenen Aktion brandet Beifall auf“, berichtet Mulock mit glänzenden Augen. Auch die Spieler des Teams haben so eine Stimmung noch nicht erlebt. Immer wieder betonen sie, wie besonders es sei, vor so lauten Fans zu spielen – und für ein ganzes Land gewinnen zu können. Dabei gibt es im Kader nur drei kanadische Spieler, aber es geht um das Team und nicht den Einzelnen.

Nach all den Misserfolgen werde es mal wieder Zeit für Kanada, sagt Eishockeyprofi TJ Mulock

Die Kanadier lechzen seit Jahren nach einem Erfolg in einer der großen Sportligen in Nordamerika. Im Eishockey liegt der letzte Titelgewinn 23 Jahre zurück, im selben Jahr feierten die Blue Jays ihren ersten Sieg in der World Series und legten zwölf Monate später nach. Seither ging nichts mehr. „Nach all den Misserfolgen in den großen Ligen wird es mal wieder Zeit für uns. Und wer weiß, wann es wieder so eine Chance gibt. Auch deshalb wollen jetzt alle beim Baseball dabei sein“, erzählt Mulock. Dabei ist Baseball in Kanada keine Randsportart. Kinder und Jugendliche wachsen mit dem Spiel auf, aber irgendwann setzt sich dann meist Eishockey durch. Der Nebeneffekt macht sich jetzt aber bezahlt, die Fans wissen, wie das Spiel funktioniert, und sind so leicht zu begeistern. Die Blue Jays sind gerade dabei, einen kleinen Boom auszulösen. „Normalerweise ist Eishockey in Kanada die Sportart Nummer eins, zwei und drei. Aber wenn jetzt die Play-offs beginnen, dann gucken die Leute mit Sicherheit die Spiele der Blue Jays“, sagt Mulock.

Der Travis James. Eisbär in Freizeitmontur.
Der Travis James. Eisbär in Freizeitmontur.Foto: Jörg Leopold

Auch er wird das versuchen, sofern es die Zeitverschiebung zulässt. Am Donnerstagabend im ersten Spiel der Division Series geht es gegen die Texas Rangers. Normalerweise sollte dieser Gegner für die beste Offensive der Liga zu schlagen sein, doch Baseball ist schwer vorhersagbar. Nur zehn von 30 Teams qualifizieren sich nach 162 Saisonpartien überhaupt für die Play-offs, für zwei war dort schon nach nur einem Spiel alles wieder vorbei. Drei Siege sind nun nötig, um es unter die besten vier zu schaffen.

Mulock zittert mit den Blue Jays von Berlin aus mit, gemeinsam mit den Kollegen Spencer Machacek und Julian Talbot verfolgt er die Spiele via Internetstream. „In der Kabine der Eisbären haben wir schon alle bekehrt“, berichtet Mulock lachend. Kappe und Trikot der Blue Jays sind nicht nur bei ihm fast zur Standardbekleidung geworden. Nun fehlt nur noch der Titel. Damit die Kanadier endlich wieder feiern können – egal ob in Toronto oder in Berlin-Hohenschönhausen.

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