Sport : Bayern besiegen kann so einfach sein

Vor 25 Jahren gewann Hertha zuletzt bei den Münchnern – Beteiligte erinnern sich

Klaus Rocca

Berlin. Anfang der Woche saßen sie in der Kasseler Kneipe „Treff am Kö“ und plauderten über alte Zeiten. Auch über jenen denkwürdigen 29. Oktober 1977. Damals, vor 25 Jahren, schaffte Hertha BSC das, was seitdem nie mehr gelang: einen Sieg beim FC Bayern München. Gerd Grau, der da in seiner Kneipe mit Holger Brück zusammensaß, hatte in der 30. Minute mit seinem Tor die Weichen zum 2:0 gestellt. Dass eine Berliner Zeitung danach schrieb, „auch meine Oma hätte den Ball reingemacht“, wurmte Grau damals, heute nicht mehr. „Der Ball wurde von rechts getreten, ich musste ihn aus einem Meter nur noch ins Tor drücken. Das war in der Tat kein Kunststück“, erinnert sich Grau. In München, wo Hertha mal 0:4, mal 4:7, mal 3:7 und zuletzt 0:3 verlor, zu gewinnen, war schon eher ein Kunststück. Auf eine Neuauflage hofft die ganze Liga, wenn Herthas Fußballer am Sonnabend im Münchner Olympiastadion antreten. Schließlich soll die Bundesliga nicht schon jetzt in Langeweile erstarren.

Das Rezept, mit dem Hertha 1977 die Bayern schockte, ist so simpel wie erfolgversprechend. „Wir haben uns nicht versteckt, sondern enorm aggressiv gespielt“, sagt Grau. Da standen mit ihm selbst, Wolfgang Sidka, Erich Beer, dem Dänen Jörgen Kristensen, Karl-Heinz Granitza und später Bernd Gersdorff offensive Spieler auf dem Rasen, denen Trainer Kuno Klötzer eingebläut hatte, sich bloß nicht zu verstecken. Und als Bernd Gersdorff, nach 69 Minuten für Grau eingewechselt, kurz vor Schluss auch noch das zweite Hertha-Tor schoss, war die Rechnung voll aufgegangen. Gersdorff drehte danach jubelnd eine Ehrenrunde. Der Sieg über den FC Bayern, mit dem er 1974 Deutscher Meister geworden war und der ihn dann verschmäht hatte, war für ihn eine Genugtuung.

Ob das Rezept von 1977 auch das Rezept für 2002 sein könnte? „Da habe ich Zweifel“, sagt Grau. Er hat viele Spiele Herthas gesehen, mit den Gästen in seiner Kneipe. „Vor der Saison habe ich prophezeit, Hertha werde am Ende auf Platz zwei hinter den Bayern stehen. Dabei bleibe ich. Aber bislang scheint Hertha mit der von Huub Stevens vorgegebenen Taktik noch nicht klarzukommen.“ Deshalb sein Rat: mutig, aber nicht zu offensiv spielen, lieber auf Konter bauen.

Im Stadion wird morgen mit Erich „Ete“ Beer einer der Helden von 1977 sitzen. Der wohnt heute in München, arbeitet dort bei BMW. „Doch ich drücke natürlich Hertha die Daumen“. Schließlich habe er mit Hertha „die schönsten Jahre meines Fußballer-Lebens verbracht“. 253 Bundesligaspiele bestritt er für die Berliner, 83 Tore erzielte er. Später grollte der 24fache Nationalspieler ein wenig, als ihn Hertha jahrelang ignorierte. Beer wollte nicht einmal mehr Mitglied sein. Seit einigen Monaten ist er wieder dabei, mit der Mitgliedsnummer 8, in Anlehnung an seine damalige Rückennummer.

Nicht nur der Offensivabteilung war der Sieg vor 25 Jahren zu verdanken. In der Abwehr vor Torhüter Norbert Nigbur standen bewährte Kräfte wie Uwe Kliemann, Michael Sziedat und Holger Brück. „Wir hatten oft hintereinander in dieser Besetzung gespielt und konnten uns aufeinander verlassen. Die Bayern hatten kaum Torchancen“, erinnert sich Holger Brück. Der bestritt noch mehr Spiele für Hertha als Beer, nämlich 261, wurde mit dem Klub 1975 Vizemeister. Brück, inzwischen 55, spielte noch mit knapp 50 in der Landesliga für Hessen Kassel. Dem diente er später als Präsident, derzeit ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats. Den Kontakt mit Berlin hat er nie abreißen lassen. Sein Sohn ist Praktikant bei Herthas Vermarktungspartner „Sportfive“.

Dass es 1977 für Hertha leichter war, selbst in München zu gewinnen, zeigt ein Blick auf die Tabelle. Nach der Saison 77/78 war Hertha Dritter, der FC Bayern lediglich Zwölfter. Dabei standen an jenem 29. Oktober solche Spieler wie Sepp Maier, Klaus Augenthaler, Uli Hoeneß, Gerd Müller, Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Georg Schwarzenbeck auf dem Rasen. „An dieses Spiel kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern“, sagt Klaus Augenthaler, heute Trainer beim 1. FC Nürnberg. Wer wollte ihm die Gedächtnislücke nach 25 Jahren verdenken.

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