Sport : „Bayern ist menschlich“

Jung-Nationalspieler Tobias Rau über Effenbergs Rat, München und darüber, wer sein Geld verwaltet

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Herr Rau, wissen Sie noch, was Sie am 8. Juli 1990 gemacht haben?

Das geht ja gut los. Wahrscheinlich habe ich Fußball geguckt.

Wissen Sie noch welches Spiel es war?

Das WMFinale nehme ich mal an. Jetzt erinnere ich mich. Wir saßen im Garten und haben gegrillt. Und dann hat der Andi Brehme diesen Elfmeter geschossen…

und getroffen…

Richtig, Deutschland wurde Weltmeister. Mein Gott, was war ich nervös, als Andi Brehme anlief.

Ein anderer ehemaliger Nationalspieler, Stefan Effenberg, hat nach Ihrem Debüt in der Nationalelf gesagt: „Tobias Rau ist die erste Ideallösung auf der linken Seite seit Andi Brehme.“

Das ist zwar schön, dass er das gesagt hat, das tut mir auch gut, aber ich fühle mich noch nicht so weit.

Vielleicht hat er deshalb auch gesagt, dass ein Wechsel zum FC Bayern zu diesem Zeitpunkt für Sie zu früh kommen könnte.

Wissen Sie, ich verlasse mich lieber auf die Gespräche, die ich beim VfL Wolfsburg mit Stefan persönlich geführt habe. Er hat zu mir gesagt: Wenn du davon überzeugt bist, zum FC Bayern zu wechseln, dann mach’ das auch. Ich weiß schon, dass es Schwierigkeiten geben könnte, aber der FC Bayern ist sportlich wie menschlich die beste Adresse in Deutschland.

Haben Sie denn keine Angst vor den möglichen Problemen?

Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Es gibt genügend negative Beispiele. Aber ich habe mir die Sache überlegt. Und: Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Es ist eine Lebensentscheidung.

Sehen Sie überhaupt keine Gefahren?

Und ob, vieles wird anspruchsvoller. Vor allem sportlich. Ich werde anfangs wohl nicht über Teileinsätze hinauskommen. Aber bitte vergessen Sie eines nicht – man kann die Sache auch andersherum betrachten: Beim VfL Wolfsburg würde ich nicht so weich fallen wie beim FC Bayern.

Wie meinen Sie das?

Wenn mich beim VfL eine Verletzung zurückwerfen würde oder ich aus anderen Gründen nicht mehr erste Wahl sein sollte, hätte ich nicht so gute Möglichkeiten, einen neuen Verein zu finden.

Aber das Risiko ist ungleich höher.

Nein. Das Risiko, eine solche Chance auszulassen und sie nie wieder zu bekommen, ist viel größer.

Sie haben beim FC Bayern München einen Vertrag bis zum Jahr 2006 unterschrieben. Vielleicht sind Sie ja bis zur WM in Deutschland schon vergessen?

An 2006 denke ich noch nicht. Ich möchte mich in München persönlich verbessern. Wolfsburg wird sich gut entwickeln, aber die Bayern spielen jedes Jahr um drei Titel. Und ich möchte international spielen. Die Bayern haben so viele Spiele, die kann der Bixente Lizarazu gar nicht alle alleine machen.

Lizarazu ist auf der linken Seite gesetzt. Er ist Weltmeister und hat schon angekündigt, dass er nicht Ihr Lehrmeister sein will.

Ach, die Geschichte. Da wurde etwas falsch rübergebracht. Er soll nicht mein Lehrmeister sein. Ich möchte mir bei ihm nur etwas abgucken, das kriegt er gar nicht mit.

Ihr Ehrgeiz in allen Ehren, aber warum beginnen Sie ein Fernstudium, wenn Sie doch alle Mühe haben werden, in Ihrem Hauptberuf vorwärts zu kommen?

Ja, ich werde den Studiengang Sportmanagement belegen. Eine solche Begleitbeschäftigung hat mehrere Vorzüge. Sie sorgt für Abwechslung und hält mich geistig fit.

Es ist ungewöhnlich, dass sich ein Fußballprofi schon im Alter von 21 Jahren um die Zeit nach der Karriere Gedanken macht.

Sehen Sie, der Gedanke daran, permanent zu kämpfen, um mit 30 ausgesorgt zu haben, würde an meiner Leistungsfähigkeit nagen. Aber nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Ich traue mir schon zu, eine große fußballerische Karriere zu starten.

Wie fühlt es sich an, Nationalspieler zu sein?

Toll. Einfach toll. Ich bin wahnsinnig stolz, für Deutschland zu spielen.

Vor gar nicht so langer Zeit spielten Sie noch bei den Sportfreunden Ölper, also – mit Verlaub – unter ferner liefen.

Richtig, und das werde ich nicht vergessen. Es ist schon ein komisches Gefühl, das mich manchmal beschleicht. Bei mir ging doch alles recht schnell in den vergangenen drei, vier Jahren. Erst Ölper, dann Braunschweig, jetzt Wolfsburg und bald Bayern.

Sie sind ja besten präpariert für den Fall, dass es bei den Bayern nicht so läuft.

Wie meinen sie das?

Als Sie Ihren Zivildienst im Dezember 2002 abgeleistet hatten, sagten Sie, dass Sie erfahren haben, was die wirklichen Probleme sind…

Sie sagen es. Ich war auf der Kinderstation tätig. Ich habe sterbenskranke Kinder gesehen. Und unsereins regt sich darüber auf, dass er mal nicht von Beginn an spielen darf.

Glauben Sie denn, dass Sie die Bayern-Mentalität verinnerlichen können?

Meinen Sie etwa die oft zitierte Winner-Mentalität, die diesen Verein auszeichnet? Diese Mentalität kommt doch von ganz allein.

Wie war das eigentlich, als Uli Hoeneß angerufen hat?

Meine Freundin ging ans Telefon. Die kannte den gar nicht. Aber sie hat mich glücklicherweise gerufen und nicht aufgelegt.

Sie werden bald sehr viel Geld verdienen. Wer kümmert sich eigentlich darum?

Oh, dafür habe ich meine Mutter.

Das Interview führten Daniel Pontzen

und Michael Rosentritt.

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