Sport : Bedingte Kontinuität

Teamchef Völler setzt zum Auftakt der EM-Qualifikation in Litauen auf acht Vizeweltmeister

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Von Michael Rosentritt

Kaunas. Rudi Völler musste erst grau werden, um einen der wenigen weißen Flecken in seiner ganz persönlichen Weltkarte zu tilgen. Nach Litauen, genauer: nach Kaunas, hat es den 42-Jährigen auch im dritten Jahrzehnt im Dienste der Fußball-Nation noch nicht verschlagen. Vielleicht schwingt daher ein bisschen Nachdenklichkeit mit in den Worten des deutschen Teamchefs vor dem ersten EM-Qualifikationsspiel heute Abend (19.30 Uhr, live in der ARD) gegen Litauen. „Wir wollen uns nicht kleiner machen, als wir sind, gerade nach der WM sind wir natürlich der Favorit“, sagte Völler. „Aber das gibt uns nicht das Recht, irgendeinen Gegner zu unterschätzen.“

In seinem Hinterkopf schwirren noch immer die beiden denkwürdigen Ausscheidungsspiele gegen die Ukraine herum, die sein Team benötigte, um sich für die WM in Asien zu qualifizieren. Eine ähnliche Situation auf dem Weg zur Europameisterschaft nach Portugal will er unter allen Umständen vermeiden. Beim Neubeginn setzt der Teamchef auf bedingte Kontinuität. Drei Positionen aus der WM-Endspielelf von Yokohama werden neu besetzt. Natürlich ist der im Finale gegen Brasilien noch gesperrte Michael Ballack wieder dabei, für ihn muss sein Münchner Klubkollege Jens Jeremies auf die Bank. Im Angriff darf sich der in Asien eher unglückliche Carsten Jancker mal wieder versuchen. Oliver Neuville schaut erst einmal zu. Und auf der linken Seite ergatterte der Schalker Jörg Böhme die Planstelle des zurückgetretenen Marco Bode. Völler weiß noch nicht so recht, was er von Böhme halten soll. „Wenn es ihm gelingt, seinen Gegenspieler zu beschäftigen, ist er ein wertvoller Spieler. Wenn nicht, gibt es Schwierigkeiten.“ Ein Vertrauensbeweis ist das nicht.

Im Flugzeug nach Kaunas hatten viele Nationalspieler ihre Laptops an Bord. Mag sein, dass der eine oder andere vor dem Abflug oder nach der Landung mal nachgesehen hat, was es so Wissenswertes über Litauen gibt. Besonders viel wird in der Kürze der Zeit nicht in Erfahrung zu bringen gewesen sein. Außer: „Größter der drei baltischen Staaten. Flaches, sanftwelliges Land, im Osten und Südosten seenreich. 99 Kilometer Ostseeküste. 3,7 Millionen Einwohner. Fruchtbarkeitsrate: 1,2 Geburten/Frau." So steht es bei „Spiegel Online“.

Die Problematik, die für deutsche Nationalmannschaften hinter einem ersten EM-Qualifikationsspiel steckt, kennt Völler. Vor zwanzig Jahren debütierte er als Stürmer im Team des damaligen Vizeweltmeisters und verlor das erste Qualifikationsspiel zur EM 1984 beim Außenseiter Nordirland 0:1. Auch aktuelle Nationalspieler wie Kahn, Jeremies, Ramelow und Neuville machten schlechte Erfahrungen mit einem EM-Qualifikationsauftakt. Im Oktober 1998 verloren sie in der Türkei mit 0:1. Von diesen Zeiten will im Kreise der Nationalmannschaft niemand mehr etwas wissen. Bei den Buchmachern ist Deutschland hoher Favorit. Bei einem Sieg in Litauen gibt es für zehn Euro Einsatz gerade mal 12,50 Euro zurück. Im Falle einer Niederlage kann man 75 Euro kassieren.

Solche Zahlen interessieren Rudi Völler nun überhaupt nicht. Heute ist seine Mannschaft für die einzig relevanten Zahlen zuständig im Stadion „S. Darius & S. Girenas“ zu Kaunas. Da gehen nur 8500 Menschen rein, und in seinem baufälligen Zustand ist es nicht gerade ein Schmuckstück litauischer Architektur. Völler will es dennoch in guter Erinnerung behalten.

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