Behindertensport : Alles aus den Armen

Der querschnittgelähmte Schwimmer Thomas Grimm hofft auf eine Medaille bei den Paralympics. Der Weltrekordhalter trainiert über 20 Stunden in der Woche.

Frank Bachner
Grimm
Selten am, meistens im Becken. Thomas Grimm -Foto: Mike

BerlinVom Beckenrand waren die Qualen nicht zu erkennen. Da schob sich Thomas Grimm bis zum Schluss mit weichen Wellenbewegungen durchs Wasser. Aber die letzten Meter, sagt Grimm, „das war die Hölle“. Weil die Arme so brutal schmerzten, weil die Muskeln übersäuert waren. Aber er schlug nach 1:35,01 Minuten an, das entschädigte für die Schmerzen. Grimm, der 35-Jährige, kreischte im Wasser wie ein kleines Kind durch die Schwimmhalle an der Landsberger Allee, dreimal insgesamt. Deutscher Rekord über 100 Meter Brust, er hatte seine persönliche Bestzeit bei den Internationalen deutschen Meisterschaften in Berlin um mehr als eine Sekunde verbessert.

Interessanter als der Rekord ist bei Grimm allerdings, dass er diese Schmerzen überhaupt erst bei 70, 80 Metern hatte. Thomas Grimm hat nur Arme, mit denen er sich durchs Wasser ziehen kann, der Berliner ist querschnittgelähmt. Seine Bühne an diesem Wochenende sind die Internationalen deutschen Meisterschaften der Behinderten. „Beim Brustschwimmen kommen 50 und mehr Prozent des Vortriebs eigentlich aus den Beinen“, sagt Grimms Trainer Matthias Ulm. „Daran kann man sehen, was einer wie Thomas leistet.“ Grimm kann noch die Muskeln in den vorderen Oberschenkeln leicht bewegen, aber damit stabilisiert er nur den Rumpf. Fürs schnelle Vorwärtskommen nützen ihm seine Beine nichts. Da ist er auf seinen mächtigen Armmuskeln angewiesen. Grimm macht im Kraftraum Serien mit 60 Kilogramm Gewicht.

Ulm und er haben mal, nur so zum Spaß, deutsche Spitzen-Brustschwimmer über 100 Meter getestet. Die hatten ihre Füße zusammengebunden, sie durften nur ihre Arme benutzen. Einigen „platzten schon nach 50 Meter die Arme“, sagt Ulm. Und nur Mark Warnecke, der 50-Meter-Weltmeister von 2005, war so schnell wie Grimm. Da stieg der Respekt vor den Leistungen des behinderten Kollegen enorm. Grimm war als Jugendlicher Kunstradfahrer. Als 14-Jähriger erlitt er einen Sturz, ein Blutgerinnsel im Rücken wurde nicht rechtzeitig erkannt, ein Tumor bildete sich, danach blieb er querschnittgelähmt.

Aber 1:35,01 Minuten sind dem 36-Jährigen zu langsam, für Peking reicht das nicht. „Ich bin mal mutig“, sagt er, „ich peile in Peking 1;33,7 Minuten an.“ Damit wäre er Medaillenkandidat. Und etwas anderes kommt für ihn nicht mehr in Frage. Nach den Paralympics beendet er seine Karriere. Aber es geht noch um mehr als um Edelmetall, es geht in Peking auch um die Ehre und die Genugtuung des Thomas Grimm, Weltrekordhalter über 50 Meter Brust (42,20 Sekunden), dreimaliger Bronzemedaillengewinner bei den Paralympics 1996 und 2000. Die körperlichen Schmerzen bei Rennen sind nichts gegen die seelischen Qualen, die er 2004 bei den Paralympics in Athen erlitten hatte. „Athen war ein Desaster, eine mittlere Katastrophe“, sagt Grimm mit hartem Unterton. Er, der Medaillenkandidat, wurde disqualifiziert. Eine Kampfrichterin sah beim Rennen über 200 Meter Lagen einen unerlaubten Delphinschlag, ausgerechnet als Grimm Brust schwamm, seiner Spezialstrecke, auf der er noch nie disqualifiziert worden war. Er war so verstört, dass er über 100 Meter Brust nur Fünfter wurde.

Das war alles zu viel, Thomas Grimm beendete nach Athen seine Karriere. Er begann zu studieren, war frustriert, beleidigt. Aber nach einem Jahr kehrte er wieder zu seinem Trainer zurück, er wollte es noch mal wissen. Seither trainieren sie teilweise 23 Stunden pro Woche. „Das Training“, sagt Matthias Ulm, „unterscheidet sich gar nicht so sehr von dem nichtbehinderter Schwimmer.“ Das Gleiten vom Rollstuhl ins Wasser haben sie vor Jahren trainiert. Beim Start sitzt Grimm auf dem Block, im letzten Moment stemmt er sich hoch und drückt sich mit der Kraft ab, die er hat. Der Sprung ins Wasser sieht nicht unbedingt elegant aus, aber der 35-Jährige ist rund zwei Sekunden schneller, als wenn er im Wasser starten würde. Und bei den Wenden stößt sich Grimm mit dem linken Bein ab, da hat er etwas mehr Kraft als im rechten.

Aber er ist, wenn nur mit den Armen geschwommen wird, im Test über 100 Meter Brust immer noch schneller als Timo Lorenz vom SC Berlin. Und der hält den deutschen Kurzbahn-Rekord über 200 Meter Brust.

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