Sport : Bei Cognac und Zigarre

Real Madrids gerissener Präsident Florentino Perez wirbelt den Fußballmarkt durcheinander

Julia Macher[Barcelona]

Wer Real Madrids Präsident Florentino Perez das erste Mal begegnet, ist enttäuscht. Dieser unscheinbare Anzugträger mit dem ordentlich gezogenen Scheitel und dem aus der Mode gekommenen Kassengestell auf der Nase soll der Mann sein, der gerade zum zweiten Mal den internationalen Fußballmarkt durcheinanderwirbelt? Der Erfinder der Galaktischen um Zinédine Zidane? Jener „König Midas“, der in den letzten Wochen für die Rekordsumme von 159 Millionen Euro Cristiano Ronaldo und Kaka holte und mit ihnen an der Spitze eine Mannschaft bauen will, die mangels passender Superlative „Floren-Team“ genannt wird?

In Spanien darf man diesen Schlag Unternehmer nicht unterschätzen. Die erfolgreichsten Manager des Landes, ganz egal ob aus dem Bau-, Banken- oder Textilgewerbe, sind Typen wie Florentino Perez: im Franco-Spanien sozialisiert, altmodisch, etwas spießig im Gestus, gewieft im Denken. Sie wissen genau, bei welchem Gesprächspartner es sich lohnt, nach dem Mittagessen die „Sobremesa“, das rituelle Nachgeplänkel bei Cognac und Zigarren, noch ein wenig auszudehnen. Der 62-jährige Madrilene Perez, der aus der 1983 aufgekauften Pleite-Firma Padros die weltweit zweitgrößte Baugruppe ACS machte, ist ein Meister dieser Art der Public Relations. Während seiner ersten Amtszeit als Präsident von Real Madrid von 2000 bis 2006 wurde die Vip-Lounge des Santiago-Bernabeu-Stadions Kontaktbörse und Verhandlungsraum für Politiker, Banker und Geschäftsmenschen jeder Couleur. Häufig nutzten die Geschäfte, die der Ex-Kommunalpolitiker und gelernte Bauingenieur einfädelte, ihm ebenso wie dem Klub. Es reicht, an den Deal zu erinnern, der 2000 als „Gran Pelotazo“ in die Annalen des spanischen Rekordmeisters einging. Der Begriff bezeichnet eigentlich einen „wuchtig geschossenen, langen Pass“, in der Wirtschaft gilt er als Synonym für ein „Supergeschäft ohne großen Einsatz“. Zu Beginn seiner ersten Amtszeit gelang es Florentino Perez, das alte Trainingsgelände im Norden Madrids zum Bauland umdeklarieren zu lassen und zu verkaufen. Der Deal spülte 480 Millionen Euro in die Kassen des Vereins; Geld genug, um Weltstars wie Luis Figo, Zinédine Zidane, David Beckham und Ronaldo zusammenzukaufen und gleichzeitig Schulden in Höhe von 275 Millionen Euro zu tilgen. Im Gegenzug bekam ACS, die Firma des Präsidenten, den Bau der 120 Hektar großen neuen Sportstadt zugesprochen. Das war zumindest etwas anrüchig. Doch es gehört zu den Absonderlichkeiten der spanischen Politik, dass solche Geschäfte zwar zunächst lautstark kommentiert, dann aber schnell vergessen werden. Perez’ Privatvermögen, das er mit Hilfe solcher Deals erhöht hat, wird inzwischen auf 1,8 Milliarden Euro geschätzt. Sein Firmenimperium, das seit 2007 auch 25 Prozent des Essener Hochtief-Konzerns hält, hat die Immobilienkrise dank Risikostreuung bislang offenbar gut überstanden.

Die Zeit der „Pelotazos“ ist in Spanien zwar vorbei, Florentino Perez aber hat trotzdem keine Probleme, an Geld zu kommen. Die Sparkasse Caja Madrid und die Großbank Grupo Santander gewährten dem Klub für Spielerkäufe einen Kredit von insgesamt 150 Millionen Euro; als Bürgschaft dient ein 1,2 Milliarden schwerer TV-Rechte-Vertrag mit dem katalanischen Unternehmen Mediapro. Das zeigt, wie sehr der Finanzsektor dem von Florentino Perez eingeführten Modell vertraut. Real Madrid handelt seine Sponsorenverträge nach spektakulären Transfers jeweils neu aus; der Glamourfaktor von Spielern wie Kaka oder Cristiano Ronaldo lässt sich also direkt in Geld ummünzen. Marketinggeschulten Bankern sind solche Denkweisen vertraut.

Nur: Sportliche Erfolge garantiert dieses System nicht. Das weiß niemand besser als Florentino Perez selbst, der 2006 nach drei titellosen Jahren zurücktrat. „Ich habe die Spieler verzogen“, gestand der dreifache Familienvater damals. „Es tut ihnen nicht gut, wenn man ihnen ständig zu verstehen gibt, sie seien die Besten.“ Bis jetzt sieht es allerdings nicht so aus, als sollte sich daran in der zweiten Amtszeit irgendetwas ändern.

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