Sport : Berlin rennt die Zeit davon

Robert Ide

Vor der Wahl klangen die Worte einfach und klar - wie immer, wenn Gregor Gysi etwas öffentlich sagte. "Man darf sich nicht in die Tasche lügen", ließ der PDS-Spitzenkandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus verlauten, "unter dem Strich werden Olympische Spiele mehr kosten als einbringen." Gysi wollte Prioritäten setzen. Sportereignisse gehörten nicht dazu. Deshalb lautete einer seiner Lehrsätze: Auf Olympia kann die Stadt verzichten, auf die Sanierung der Schulen nicht. Das war vor der Wahl.

Jetzt ist Gregor Gysi potenzieller Senator und seine Partei vielleicht bald Juniorpartner einer rot-roten Berliner Koalition. Die PDS macht sich neue Gedanken. Und rückt von alten Prioritäten ab. "Es spricht nichts gegen Olympia 2012", sagt der sportpolitische Sprecher der PDS-Fraktion, Walter Kaczmarczyk. Er glaubt, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung zu Gunsten einer Bewerbung geändert hat. Und die Stimmung in den eigenen Reihen auch.

Olympische Spiele in Berlin scheinen also für das neue SPD-PDS-Bündnis kein Hindernis mehr zu sein. Theoretisch. Praktisch gibt es aber große Hürden. Etwa die Frage der Finanzierung. "Die Stadt kann keine Mittel für die Spiele aufwenden", heißt es aus Gysis Umgebung. Der gleichen Ansicht ist die SPD. Immerhin hatte sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bei den gescheiterten Gesprächen mit Grünen und FDP für Olympia stark gemacht. Der sozialdemokratische Landeschef Peter Strieder soll eher dagegen argumentiert haben. In der SPD ist die Linie also nicht ganz klar.

Und es gibt ein weiteres Problem, ein logistisches: Bis zum 31. Dezember muss sich Berlin für das olympische Rennen anmelden. Nach Angaben aus PDS-Kreisen werden die Koalitonsverhandlungen aber bis Mitte Januar dauern. Weil die Zeit knapp wird, soll es kommenden Donnerstag eine Olympia-Debatte im Abgeordnetenhaus geben - auf Antrag der CDU. Auf die neuen Regierungspartner dürfte das wenig Eindruck machen. Sie wollen in Ruhe verhandeln - Olympia hat dabei nicht Priorität. In gut drei Wochen endet die Bewerbungsfrist. Wenn die Politik sie verstreichen lässt, würde sich die ganze Diskussion als Theorie entpuppen.

Auch auf anderen Feldern der Sportpolitik bleiben Fragezeichen. Die von SPD, Grünen und FDP angedachten Kürzungen der Sportförderung um 20 Prozent dürften bei den Gesprächen zwischen SPD und PDS erneut zum Thema werden. Zwar beharrt Kaczmarczyk darauf, dass "weitere Kürzungen beim Sport fatal" wären. Ob er sich mit dieser Meinung angesichts der desolaten Haushaltslage in der PDS-Fraktion durchsetzen kann, ist jedoch fraglich. Über die Möglichkeit, dass Gregor Gysi auf ihn zukommt und ihn nach Einsparmöglichkeiten im Sport fragt, hat sich Kaczmarczyk bisher keine Gedanken gemacht: "Noch bin ich überzeugt, dass Herr Gysi mich nicht danach fragt."

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