Sport : Berlin, was guckst Du?

Im Olympiastadion war die Hauptstadt nur Zuschauer, nicht Mitspieler – auf beiden Seiten

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Berlin - Nicht mal der Charlottenburger mit dem türkischen Trikot durfte sich beweisen. Hakan Balta, türkischer Nationalspieler aus Berlin, nahm gestern Abend auf der Auswechselbank im Olympiastadion Platz. Auch in der deutschen Nationalmannschaft spielte kein Berliner mit – und das in Berlin. Warum nicht?

Nicht nur die Bundesliga macht einen Bogen um den Fußball der deutschen Hauptstadt, inzwischen gibt es auch im Nationalteam keinen Spieler mehr, der bei einem Berliner Verein beschäftigt ist. Mit dem Weggang des langjährigen Kapitäns von Hertha BSC, Arne Friedrich, den es im Sommer zum VfL Wolfsburg zog, verlor die größte deutsche Stadt ihren letzten Nationalspieler. „Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass wir in der Zweiten Liga spielen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz, der sonst im Olympiastadion Zweitligaspiele zu verfolgen hat.

Preetz selbst musste erst 31 Jahre alt werden, ehe er in die Nationalmannschaft berufen wurde. Er nahm an einer umstrittenen DFB-Reise im Februar 1999 nach Florida teil. Beim 3:3 in Miami gegen Kolumbien erzielte er dann zwei Tore. Nach insgesamt sieben Länderspielen, in denen Preetz drei Tore besorgt hatte, war schon wieder Schluss.

Seit dem Aufstieg Herthas in die Bundesliga vor 13 Jahren gab es durchgängig mindestens einen Fußball-Berliner, der im deutschen Nationaldress steckte. Dariusz Wosz war nach langer Zeit wieder der erste deutsche Nationalspieler, den Hertha stellte. Mit der rasanten Entwicklung des Klubs unter Trainer Jürgen Röber bis hinein in die Champions League folgten rasch andere wie der spätere Überraschungs-Vizeweltmeister Marko Rehmer (35 Einsätze zwischen 1998 bis 2003) und Stefan Beinlich (5 Einsätze/1998- 2000), der Bundesliga-Torschützenkönig Michael Preetz (7/1999-2000), Sebastian Deisler (36/2000-2006), Michael Hartmann (4/2003) und Malik Fathi (2/2006). Letzterer ist auch der erste Berliner Nationalspieler, der aus Herthas eigenem Nachwuchs kam.

Wer mag, darf in der Berliner Liste noch Fredi Bobic hinzuzählen, der allerdings schon lange Nationalspieler war, ehe er 2003 zu Hertha BSC gewechselt war und noch ab und an für Deutschland zum Einsatz kam. Alles, was danach kam, waren – mit Ausnahme Sebastian Deislers – mehr oder minder Verlegenheitslösungen.

Michael Preetz richtet seinen Blick deshalb nach vorn. „Wir haben jetzt wieder Talente, die Perspektive haben.“ Fanol Perdedaj oder Sebastian Neumann etwa, die gerade in die deutsche U-21-Auswahl berufen wurden. Marvin Knoll und Shervin Radjabali-Fardi standen vor zwei Tagen im Team der deutschen U-20-Mannschaft beim 2:0-Sieg über die Schweiz.

„Es gibt ein paar Nationalspieler, die zumindest bei Hertha durchgelaufen sind“, sagt Preetz und denkt an die Brüder Jerome und Kevin-Prince Boateng. Ausgebildet wurden sie in Berlin, bei Tennis Borussia und Hertha, doch den Sprung schafften sie anderswo. Jerome wurde als Profi des Hamburger SV ins Nationalteam berufen, wo er eine gute WM spielte. Kevin-Prince Boateng entschied sich als England-Legionär, für das Land seines ghanaischen Vaters zu spielen. Berühmt wurde er dann durch sein Foul am deutschen Kapitän Michael Ballack.

Das Letzte, was Hertha mit der Nationalmannschaft verband, war eine Geldüberweisung. Der DFB überließ den Berlinern ein fünfstelliges Sümmchen. Der Grundlagenvertrag zwischen DFB und Bundesliga regelt die Aufwandsentschädigung für Vereine, die Nationalspieler abstellen, eine Art Tageskopfpauschale. Es war die Abstellungsgebühr für den fast ewigen Nationalspieler Arne Friedrich.

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