Sport : Berliner Eisbären: Das Zuschauer-Puzzle

Claus Vetter

Wann hat es das gegeben? In drei populären Sportarten kommt zeitgleich der Tabellenführer der höchsten Spielklasse von der Spree. Doch ob bei Fußball-Bundesligist Hertha BSC, bei Basketball-Bundesligist Alba oder bei den Capitals aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL): Mehr Leistung, mehr Fans - diese Gleichung geht nicht auf. Mehr Besucher, wie in früheren Zeiten, das wünschen sich zurzeit alle Berliner Profi-Klubs.

Alle? Nicht alle, in Hohenschönhausen gibt es einen Verein, an dem der Abwärtstrend auf den Rängen der Sportarenen vorbeigeht. Die Zuschauerzahlen beim EHC Eisbären aus der DEL sind seit fünf Jahren konstant. Erstaunlich, verwöhnt wurde der Eisbären-Fan zuletzt nicht. In der zurückliegenden Saison wurde der EHC Drittletzter, in das heutige Heimspiel gegen die Nürnberg Ice Tigers (Beginn 18.30 Uhr, Sportforum) gehen die Berliner als Vorletzter.

Vor zwei Jahren waren die Eisbären noch im Halbfinale, mehr Zuschauer als heute hatten sie damals nicht, der Schnitt liegt noch immer bei rund 4000. Ist das vielleicht eine Art Ostbonus? Ein Erklärungsversuch, mehr nicht - siehe Fußball-Regionalligist 1. FC Union: Das jüngste Heimspiel des derzeit erfolgreichen Klubs aus Köpenick gegen den Lüneburger SK sahen nur 1900 Besucher. Union schmückt sich gern mit dem Etikett "Kultverein", das ist auch bei den Eisbären beliebt. Eine große Familie sei man, sagt der Generalbevollmächtigte des EHC, Martin Müller, bemüht in der Kontaktpflege mit dem Fan. Bei Autogrammstunden der Spieler ist Sprecher Moritz Hillebrand "immer fasziniert von dem, was da abgeht". Da kann der Baumarkt noch so weit vor den Toren der Stadt liegen. "Wir haben in der Liga mit den höchsten Absatz im Merchandising-Bereich." Ein Phänomen sei das, findet Hillebrand. Und welcher Sportverein kann schon für sich in Anspruch nehmen, dass ihm ein Oscar-Preisträger ein abendfüllendes Leinwand-Epos gewidmet hat?

In der Realität läuft im Sportforum nicht alles so harmonisch ab, wie in Pepe Danquarts "Heimspiel", wird mitunter ein anderer Film aufgeführt. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart kein Familienunternehmen, sondern modernes Sportmanagement. Das Oberhaupt sitzt in Nordamerika, die Anschutz-Gruppe aus Denver hat die Eisbären vor einem Jahr gekauft und das Sagen. "Wir haben bei uns den Schalke-Effekt", sagt Müller dennoch. Beim Anhang vielleicht, die Verantwortlichen haben hingegen bei Bayern München genau hingeschaut. Bei Spielen des Deutschen Fußball-Meisters würden vor dem Stadion mehr Busse als Autos parken, sagt Müller. Auch beim EHC bemühe man sich, Anhänger außerhalb der Stadtgrenzen zu gewinnen. Busfahrten mit Fans aus Leipzig oder Dresden zu Eisbären-Spielen gibt es schon.

"Wir nutzen eben ein weites Umfeld", meint Müller. Es sei nicht immer der gleiche Fan im Stadion. Dies lässt sich allein damit belegen, dass die CD mit der Eisbären-Hymne von der Rock-Gruppe "Puhdys" bislang 25 000-mal über den Tresen ging. Und trotzdem, ein Phänomen zeichnet sich nun mal dadurch aus, dass es nicht erklärbar ist. "Das mit den Zuschauern bei uns", sagt Müller, "das ist ein Puzzle aus hundert Teilen. Und wenn ich es mühelos zusammensetzen könnte, dann könnten es andere auch und hätten mehr Zuschauer."

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