Berliner Stil : So schlau spielt Hertha

Der Berliner Bundesligist überrascht seine Gegner mit preußischer Effizienz und antrainierter Intelligenz.

Sven Goldmann
Hertha BSC Berlin - Hamburger SV 2:1
Mit Hand und Mund. Herthas Trainer Lucien Favre schaut seinen Spielern gestikulierend und rufend zu.Foto: dpa

Spät am Nachmittag haben sie getanzt, rechts außen vor der Kurve im Olympiastadion, wo die Hardcorefans stehen, und sogar der stille Arne Friedrich ging aus sich heraus und legte mit Maximilian Nicu eine Art Pogo hin. „Je schöner die Siege, desto größer die Freude“, hat Herthas Kapitän später gesagt. Der geplante Kontrollverlust ist Philosophie. Die Ekstase hebt Hertha BSC sich für später auf, denn vorher muss Fußball gespielt werden. Preußischer Fußball, mit viel Disziplin, aber auch mit Intelligenz und Klugheit. Preußen war ja nicht nur Friedrichs Militär, sondern auch Humboldts Geist. Genau so spielte Hertha BSC am Samstag beim 2:1 über den Hamburger SV.

Fußball-Romantiker werden nörgeln über die schnöde Zweckmäßigkeit des Spiels dieser Mannschaft, die sich nun schon auf Platz vier der Bundesliga geschlichen hat. Über den Mangel an Schönheit und Fantasie. Das ist ein zutreffender und doch ungerechter Vorwurf. Hertha spielt nicht schön, aber aufregend. Wer Ästhetik allein physisch definiert, wird im Olympiastadion selten auf seine Kosten kommen. Freunde des intelligenten Fußballs aber werden in Berlin gut bedient. Dafür war der Sieg über den HSV ein Musterbeispiel. „Viele einzelne Spieler haben sich positiv entwickelt“, sagte Friedrich. „Davon profitieren wir als Mannschaft.“

Maximilian Nicu ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung, die Hertha in den letzten Monaten genommen hat. Es gibt technisch bessere Fußballspieler als den Bayern vom Chiemsee. Aber kaum ein anderer Spieler in der Bundesliga setzt seine Fähigkeiten so effizient ein wie der Mann, der bis zu seinem Engagement in Berlin zwischen Liga zwei und drei pendelte. Nicu streichelt den Ball nicht, aber er spielt ihn smart und gibt ihm den richtigen Kick zum richtigen Zeitpunkt.

Hamburgs Trainer Martin Jol hat am Samstagabend referiert, seine Mannschaft habe das Spiel über weite Strecken bestimmt, sie sei völlig verdient in Führung gegangen, und wenn ihr denn überhaupt ein Vorwurf zu machen sei, dann der, dass sie den aus dieser Überlegenheit herausgespielten 1:0-Vorsprung leichtfertig aus der Hand gegeben hätte. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Oder eine, die einen durchaus anders möglichen Spielverlauf negiert. Denn die für Fußball-Intellektuelle schönste Situation dieser vom HSV dominierten ersten Halbzeit hatte ein Herthaner heraufbeschworen. Nämlich Maximilian Nicu, mit einem Pass, wie man ihn besser und genauer nicht spielen kann. Ganz unscheinbar, mit dem Gespür für den richtigen Augenblick, in exakt der Zehntelsekunde, in der Andrej Woronin in den freien Raum gelaufen war, der zuvor als freier Raum gar nicht zu erkennen war. Woronin bekam den Ball nicht am Hamburger Torhüter Frank Rost vorbei. Anderenfalls wäre Hertha früh in Führung gegangen, und was das bedeutet, hat noch jeder Gegner zu spüren bekommen. Noch nie in dieser Saison hat Hertha nach einer Führung verloren.

Wie kaum eine andere Mannschaft versteht es Hertha BSC, dem Gegner die Lust am Stürmen zu verleiden. Aber nicht unfair, mit Kratzenspuckenschlagen. Sondern mit Intelligenz. Mit Laufbereitschaft, mit schlauem Defensivmanagement, das den anderen das Gefühl gibt, sie könnten anstellen, was sie wollten, ein Tor würde doch nicht dabei herausspringen. Und es ist gerade die scheinbare Leidenschaftslosigkeit dieses Stils, die noch jeden Gegner zur Verzweiflung getrieben hat. So wie vor einer Woche die TSG Hoffenheim, die in Berlin den schöneren Fußball spielte und doch zu Recht 0:1 verlor.

Für Romantiker wie den Argentinier Cesar Luis Menotti ist der von Hertha gepflegte Stil der Tod des schönen, des aufrichtigen, des linken Fußballs. Menotti definiert Fußball als Spektakel auf den Höhen seiner Kunstfertigkeit. Das ist schön formuliert und geht doch vorbei an der Lebenswirklichkeit, die Erfolg noch immer über alles gestellt hat. Kein Fan geht ins Stadion, um seine Mannschaft schön spielen zu sehen. Aber Erfolg will er haben.

Menotti hatte in seiner Karriere ein Mal Erfolg: 1978 bei der WM in Argentinien, und das auch nur, weil die rechte Militär- Junta im letzten Zwischenrundenspiel die Peruaner bestach, auf dass diese sich Menottis Mannschaft hingaben zum Erreichen des Finales. Den nachhaltigsten Eindruck hat Argentinien erst acht Jahre später hingelegt, unter dem üblen Defensivfanatiker Carlos Bilardo, der allerdings das Glück hatte, über einen Ausnahmefußballer zu verfügen: Diego Maradona, den der Romantiker Menotti 1978 nicht dabei haben wollte.

Die Deutschen haben den intelligentesten Fußball ihrer Geschichte 1972 gespielt, auf heiligem Rasen, beim ersten Sieg in Wembley. Die Geschichtsschreibung verklärt dieses Spiel bis heute als Triumph der Offensive, was ein ziemlicher Blödsinn ist; wer Gegensätzliches behauptet, möge sich die zuweilen in den Dritten Programmen der ARD laufende Fernsehaufzeichnung anschauen. Die Deutschen schlugen die Engländer nicht, weil sie leidenschaftlicher, sondern weil sie cleverer waren. Die einen durften sich austoben, die anderen schossen die Tore.

So ähnlich lief das am Samstag im Olympiastadion. Der HSV war die optisch dominierende, aber nur in der ersten Halbzeit die bestimmende Mannschaft. So entsprang das verdiente Führungstor nicht einem gekonnten Spielzug, sondern einer großartigen Einzelleistung von Mladen Petric. Aber dem Berliner Rollkommando zu Beginn der zweiten Halbzeit stand der HSV hilflos gegenüber. Vier Minuten Bissigkeit genügten zu zwei Toren und dazu, ein vermeintliches Spitzenteam in Ratlosigkeit zu stürzen. Den Rest erledigten die Berliner mit Laufbereitschaft und Einsatzwillen. Intelligenz gepaart mit Leidensfähigkeit. „Die Spieler haben zusammen erkannt, dass es so wie in der ersten Halbzeit nicht weitergehen konnte“, sagte Trainer Lucien Favre. „Und sie haben zusammen eine Reaktion gezeigt.“ Favre selbst musste nicht viel reden in der Halbzeitpause – brüllen schon gar nicht. „Das kann der gar nicht“, hat Andrej Woronin später erzählt. „Dafür ist er viel zu intelligent.“

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