Berliner Vereine : Wenn Füchse Albatrosse jagen

Mehr Einwohner als alle anderen Städte, aber auch mehr Klubs: Die großen Vereine Berlins kämpfen um Kundschaft– nicht immer mit lauteren Mitteln.

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Grafik: Tsp/Klöpfel

Wolfgang Kay ist außer sich vor Freude. Tor! Jawoll! Die Zuschauer in der Großarena jubeln, Wolfgang Kay wedelt mit seinem Eisbären-Schal und malträtiert die Klatschpappe. 30 Spielminuten haben die Eisbären hinter sich. „Gleich geht es los!“, ruft der Fan. „Gleich rufen die Fans Ost-Ost-Ost-Berlin!“ Ost- Berlin? Kay kommt aus dem Westen. „Mensch, das ist Kult“, sagt er und brüllt mit. Dann erzählt er. Vor ein paar Tagen war er bei den Füchsen. „Handball ist auch toll.“ Nicht nur, er zückt sein Portemonnaie und zeigt stolz seine Hertha-Dauerkarte. „Ich bin eben Sportfan und gehe überall hin, wo was los ist.“

Wolfgang Kay ist der Traum aller Sportvereine. Der Fan, der überall zu Hause ist. Das Spielfeld in Berlin ist zwar groß, allerdings gibt es viele Konkurrenten. In keiner anderen Stadt im Lande ist die Konzentration der höherklassigen Sportvereine in den populären Mannschaftssportarten so groß wie in Berlin. Zwei Fußball-Zweitligisten, dazu erstklassige Klubs im Eishockey, Basketball, Handball und Volleyball. Alle kämpfen um Sponsoren, Zuschauer und Öffentlichkeit. Und das sehr erfolgreich: Die Besucherzahlen liegen bei allen sechs großen Vereinen über ihrem jeweiligen Ligenschnitt.

Ist Berlin ein Mekka für den Profisport? Mitnichten. Mag nach außen hin auch oft ein Miteinander suggeriert werden, so teilen die sechs Großen doch ungern ihren Besitz. Der Kampf um Geld und um die Spitzenposition beginnt jede Saison von Neuem.

Genauer gesagt ist es der Kampf um Platz zwei. Denn trotz des Abstieges in die Zweite Liga ist Hertha BSC in Berlin das Maß aller Dinge. Fußball spielt in Deutschland in einer eigenen Liga. Fußball ist Fernsehsport, allgemeines Sportkulturgut. Es wird in Berlin immer mehr interessieren, dass Hertha gegen Paderborn Tore schießt, als dass Alba gegen Paderborn Körbe wirft. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Mitgliederzahl bei Hertha von 13 160 auf 19 350. Rund 400 Sponsoren hat der Verein. Zu den Sponsoreneinnahmen kamen allein in der vergangenen Bundesligasaison noch 21 Millionen Euro an Fernsehgeldern. Davon allein ließen sich die Saisonbudgets der Eisbären, Alba und der Füchse zusammen finanzieren.

Wer so weit oben steht in der Sponsorenkette, kann sich natürlich zurücklehnen. Herthas Geschäftsführer Ingo Schiller empfindet die anderen Klubs nicht als Konkurrenz: „Es gibt einen sehr fairen Wettbewerb um Sponsoren und Partner.“ Es gebe auch identische Werbepartner. Den sogenannten DKB-Familienblock etwa findet der Kunde nicht nur im Olympiastadion bei Hertha, sondern auch in der Arena beim Eishockey und Basketball.

Wenn es um neue Fans geht, dann arbeiten alle Berliner Klubs schon mal mit Freikarten oder verbilligten Sponsorentickets. Nach dem Motto: Kommt lieber zu uns, da ist es schöner. Als Hertha BSC nach der vergangenen Saison absteigen musste, haben sofort einige der anderen Klubs die Finger nach den Sponsoren ausgestreckt, berichtet ein Insider: „Die Listen von Herthas Suitenkunden sind Allgemeingut. Viele dieser Leute haben Post von den anderen Berliner Klubs bekommen. Wer das Gegenteil behauptet, der sagt nicht die Wahrheit.“ Allerdings war der Angriff in allen Fällen vergeblich – ein Mäzen wandert nicht ab, wenn er sich in seinem Umfeld wohlfühlt.

Der Kampf um Sponsoren in Berlin ist hart. „Wir kranken darunter, dass es hier keine Konzernzentralen gibt, keines der 30 größten Börsenunternehmen hat in Berlin seinen Sitz“, sagt Schiller. Auch Robert Hanning, Manager der Füchse Berlin, hat gemerkt, dass es in Berlin sehr schwierig ist, Geldgeber zu finden. „Der Kuchen war verteilt, als wir kamen“, erzählt er. „Deshalb waren andere Vereine nicht glücklich über unsere Ambitionen, im Handball etwas aufzubauen.“

Wenn kleine Hunde bellen, dann reagieren große Hunde nicht. Hertha ist der große Hund und kann sich Ignoranz nach unten leisten oder auch gönnerhaft erfolgreiche neue Projekte begrüßen – wenn sie nicht im Fußball sind. So sagt Schiller: „Der Newcomer in Berlin sind die Füchse, die momentan den Drive des Neuen und des sportlichen Erfolgs völlig zu Recht für sich reklamieren.“ Das machen die Füchse und ihr findiger Manager. Robert „Bob“ Hanning ist die One-Man-Show des Handball-Bundesligisten. Er hat keinen solventen Konzern hinter sich, Hanning bewegt ganz allein viel für die Füchse. Er hat ein wenig Glamour in die Max-Schmeling-Halle verpflichtet. Tatort-Kommissarin Simone Thomalla schaut jetzt bei den Heimspielen zu – weil ihr Freund Silvio Heinevetter bei den Füchsen im Tor steht. Aber gegen Hertha würde auch Hanning offiziell nicht treten. Lieber versucht er, sich an Hertha anzuhängen. Es gab sogar schon mal eine gemeinsame Aktion mit dem Fußballklub, in deren Rahmen 700 Hertha-Fans nach einem Fußballspiel für fünf Euro ein Spiel der Füchse besuchen durften.

Albas Basketballer dagegen sind schon gegen Hertha, gegen den Fußball, angetreten. Es gab vor drei Jahren eine Werbekampagne, deren Slogan lautete: „Alba vs. 0:0 nach 90 Minuten. Dein Leben ist zu kurz für langweilig.“ Viele Körbe gleich mehr Spaß als kein Tor im Fußballstadion? Die Werbung war eine Grenzüberschreitung. Sich mit dem Fußball und seinen Fans anzulegen, ist in Deutschland allerdings ziemlich aussichtslos. Inzwischen ist Alba im Nahkampf mit der greifbareren Konkurrenz, den Füchsen. Während es beim Handball-Klub bei öffentlicher Präsenz und Zuschauerzahlen nach oben geht, geht es bei Alba leicht nach unten. Das Verhältnis der beiden Ballsportklubs war laut Hanning „anfangs schwierig, ist jetzt neutral“. Jedenfalls: „Wir sprechen miteinander.“ Und übereinander. Albas Geschäftsführer Marco Baldi sagt über die Füchse: Bob Hanning habe die Füchse von vornherein als Underdog positioniert. Wir sind die Füchse, die jagen. Das Motto könne er gut verstehen, sagt Baldi. „Angreifen ist das Schönste im Sport. Aber irgendwann geht es immer darum, nachhaltig an der Spitze zu bleiben. Nach oben kommen, ist eine Sache, oben zu bleiben eine andere. Handball ist weltweit eben nur in sieben Ländern populär, sonst interessiert das keine Sau. Wir sind in einem ganz anderen Wettbewerb.“ In einem schweren Wettbewerb. Die Füchse haben den Vorteil, dass die Handball-Bundesliga strukturstärker ist als ihr Pendant im Basketball – die großen Stars der Sportart spielen in den USA.

Die Füchse und Alba sind Berlins transparenteste Paarung im Kampf um die Gunst der Zuschauer und Sponsoren. Das Verhältnis der anderen Klubs ist weniger tief erschüttert. Hertha steht sowieso über allen, die Eisbären haben mit der Anschutz-Gruppe einen sehr solventen Eigner und schauen nicht so sehr hin, was die anderen machen. Bei den Eishockey-Fans ist nur der 1. FC Union nicht so beliebt, was eine DDR-Vorgeschichte hat. Schließlich hießen die Eisbären einst Dynamo und die Fußballabteilung des Klubs war bei Unionern Feindbild. Bei Union mögen die Anhänger Hertha und Eisbären nicht, aber der Klub ist in seinem Köpenicker Lebensraum zu weit weg von allen anderen. Sprecher Christian Arbeit sagt, sein Verein sehe sich nicht in unmittelbarer Konkurrenz zu anderen Berliner Vereinen. „Wir besetzen mit Absicht eine Nische und schärfen das Anderssein. Das bringt uns auch Zuschauer.“ Das heiße aber nicht, dass man langfristig nur nach Kunden und Sponsoren aus der Region Ausschau halte. Union hat einen Vertrag mit Ufa-Sports mit der Zielsetzung, auch national Vermarktungspartner zu finden. Aber, sagt Arbeit, am Programm ändere das nichts: „Bei uns gibt es Fußball pur und kein Familienangebot, wo man bespaßt wird.“

Berlins Bespaßungskünstler überhaupt sind die Eisbären. Der viermalige deutsche Eishockeymeister hat sich seine Position beim Publikum erkämpft: hinter Hertha, vor den anderen Klubs. Der einstige Ostverein hat den Umzug aus dem Randbezirk Hohenschönhausen in die Großarena am Ostbahnhof vor gut zwei Jahren besser hinbekommen als Alba den Umzug aus der Max-Schmeling-Halle in die neue Arena. Die Eisbären konnten ihr altes Publikum mitnehmen und neues hinzugewinnen: Der Zuschauerschnitt bei den Heimspielen stieg sprunghaft von 4500 auf 14 000. Ein großer Rutsch, der kein Selbstläufer war, wie Moritz Hillebrand, Sprecher des Eisbären-Eigners Anschutz, sagt. „Zwei Jahre lang sind wir jeden dritten Tag schweißgebadet aufgewacht und haben gedacht: Wie kriegen wir bloß diese Riesenhalle voll?“ Die Eisbären kämpften vor dem Umzug um Kundschaft, sagt Geschäftsführer Billy Flynn. Auf jede Brandenburger Kirmes hat der Klub seine Spieler geschickt. Zudem wurden über Gewinnspiele und Kampagnen im Internet umfangreiche Datenbanken mit möglichen Kunden erstellt. Mehr als 40 000 Adressen seien so zusammengekommen, sagt Flynn. Die Eisbären verließen sich dabei nicht auf ihr Potenzial im Ostteil der Stadt, sondern schafften es auch, einstige Anhänger des untergegangenen Westklubs Preussen für sich zu gewinnen, zudem wurde massiv im Berliner Umland geworben. Wenn der Klub nun vergünstigte Karten über den Discounter Lidl oder bei Internet-Ticketbörsen anbiete, „dann werden die selbst in Dresden gekauft“, sagt Hillebrand. Die Konkurrenz erkenne den Status der Eisbären an, sagt Albas Geschäftsführer Marco Baldi. „Wenn ich bei einem Spiel der Eisbären bin, sehe ich viele Autos mit Brandenburger Kennzeichen. Da ist gut gearbeitet worden.“

Die Eisbären haben im Unterschied zu Alba mehr mit dem Vorteil gearbeitet, den Sportarten außerhalb des Fußballs haben: die Nähe zum Kunden. Während bei Alba oft nicht einmal die Journalisten zum Training dürfen, ist bei den Eisbären Anfassen erlaubt. „Fußballfan bleibt Fußballfan“, sagt Hillebrand. „Hertha ist uns immer drei Schritte voraus, ohne große Aktionen. Also müssen wir Geld in die Hand nehmen, um Kunden zu werben. Der Manager will natürlich für das Geld lieber zwei neue Spieler holen. Die aber machen mir nicht die Halle voll.“ Eishockey hat auch einen strukturellen Vorteil gegenüber dem Basketball – seine Nähe zum Fußball. Die Sportarten ähnlich sich, es fallen wenig Tore, ihre Grundregeln sind simpel. Das harte Fanklientel ist daher ähnlich und in jeder Hinsicht konsumfreudig. So wähnte sich kürzlich ein englischer Fußballfan beim Besuch eines Eisbären-Spiels zurück in der Premier League: „Die Fans grölen, saufen und beschimpfen den Gegner.“

Alles Dinge, die im Handball und Basketball nicht so en vogue sind. Baldi sagt: „Der typische Alba-Fan ist jung und relativ hoch gebildet. Er ist nicht der klassische Sportfan, der zu jedem Spiel geht und fünf Bier trinkt.“ Der Füchse-Fan ist laut Hanning ein ähnliches Geschöpf, nur älter. Er sei „42 Jahre alt, hat einen Hochschulabschluss und kommt aus dem Mittelstand“. Verständlich, dass die Füchse und Alba sich eher untereinander angraben als die Eisbären. Zu denen sei das Verhältnis, sagen Hanning und Baldi unisono, gut. Oder eben unwichtig.

Es gibt sogar symbiotische Verhältnisse unter Berlins Klubs: Hertha, die Eisbären und Alba betreiben einen gemeinsamen Fanshop. Die in diesem Kartell nicht vorkommenden Füchse verstehen sich mit ihrem Nachbarn SC Charlottenburg. Der Volleyball-Bundesligist trägt seit vergangener Saison einige Heimspiele in der Max-Schmeling-Halle aus und hatte dort mehrfach 4000 Zuschauer. „Volleyball ist die am meisten unterschätzte Sportart in Berlin“, sagt Hanning. Für den SCC sind die Füchse ein Orientierungspunkt. „Wir fischen im selben Wasser nach Sponsoren wie die Füchse“, sagt SCC-Manager Kaweh Niroomand. Aber es gebe keinen Verdrängungskampf. „Wir graben uns nicht die Sponsoren ab, da gibt es eine Vereinbarung.“

Was in der Politik der umkämpfte Wechselwähler ist, ist im Sport der vielseitig interessierte Fan. Peter John Lee, Manager der Eisbären, sagt: „Es ist doch interessant, sich was anderes anzuschauen als nur die eigene Stammkneipe. Ich gehe oft zum Fußball und freue mich, wenn es bei Hertha gut läuft.“ Als Sportfan vielleicht. Aber wenn es um das Geschäft geht, muss es anders aussehen. Kein Berliner Klub hätte etwas dagegen, wenn ein Fan wie Wolfgang Kay sein Stammgast wäre.

Recherche: Frank Bachner, Christian Hönicke, Hartmut Moheit, Michael Rosentritt, Lars Spannagel, Sebastian Stier.

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