Fußball in Berlin : "Zigeuner"-Rufe und der Kampf gegen Rassismus im Fußball

Immer montags werfen wir einen Blick auf den Berliner Fußball. Heute: Ein Schiedsrichter unterbricht das Spiel, weil Fans einen Spieler mit dem Wort „Zigeuner“ beschimpfen – und stößt damit bei vielen auf Unverständnis.

von
Immer montags werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.
Immer montags werfen wir hier einen Blick auf den Berliner Fußball.Foto: promo

In der Halbzeitpause ließ Schiedsrichter Hornig per Stadionsprecher eine Verwarnung aussprechen. Fans des Lichtenrader BC hatten den gegnerischen Torwart als „Zigeuner“ bezeichnet. Grund für die Beleidigungen waren wohl nicht die Herkunft oder Aussehen des Beschimpften, sondern eher die Tatsache, dass dieser früher selbst bei den Lichtenradern spielte und nun für den Rivalen BFC Viktoria auf dem Platz stand. Dennoch waren die deutlich hörbaren Rufe für Schiedsrichter Hornig Anlass genug, die Verhaltens-Richtlinien des Berliner Fußballverbands im Falle von rassistischen Äußerungen geltend zu machen. Als die Rufe in der zweiten Halbzeit weitergingen, unterbrach Hornig die Partie für eine Viertelstunde

Bei den Beteiligten stieß die Entscheidung des Schiedsrichters auf Unverständnis. LBC-Trainer Garz bezeichnete die Spielunterbrechung im Fachmagazin Fußball-Woche als „maßlos überzogen“, einer seiner Spieler wird mit den Worten „Wir sind doch keine Mädchen“ zitiert. Auch der Kommentator des Fußballmagazins selbst scheint die Wortwahl der Fußballfans für nicht sonderlich schlimm zu halten.  

Dabei handelte Schiedsrichter Hornig exakt nach den entsprechenden Richtlinien des Berliner Fussballverbands (BFV). Dieser hat 2007 eine große Kampagne gegen Rassismus auf Sportplätzen gestartet und dabei auch den Verhaltenskodex entworfen. In diesem werden Handlungsempfehlungen für Schiedsrichter, Vereine und Verbandsmitglieder bei Fällen von rassistischen und menschenfeindlichen Vorkommnissen festgehalten. Auslöser für diesen Schritt war seinerzeit der Fall Altglienicke gegen TuS Makkabi, der für Aufsehen sorgte, weil Spieler des jüdischen Klubs aus Charlottenburg in Altglienicke mit Hitlergrüßen und Naziparolen beschimpft wurden und der Schiedsrichter wenig Verständnis für die Beschwerden der Makkabi-Spieler zeigte. Seitdem wird in der Schiedsrichterausbildung und auf Lehrgängen das Thema Fremdenfeindlichkeit und Rassismus behandelt und der entsprechende Verhaltenskodex einstudiert.

Gerd Liesegang, Vizepräsident des BFV, bescheinigt dem Schiedsrichter jedenfalls, absolut korrekt und im Sinne des BFV gehandelt zu haben. Auch mit der Gesamtentwicklung sei er zufrieden, die Zahl der rassistischen Vorfälle auf Berliner Fußballplätzen ist laut Liesegang seit dem Beginn der Kampagne rückläufig. „Es hat ein Umdenken stattgefunden, immer mehr Vereine gehen aktiv gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vor“.  

Dass es dennoch immer wieder zu unrühmlichen Vorfällen kommt, lässt sich nur erahnen. Wer aber regelmäßig auf Amateur-Fußballplätzen oder auch in den Stadien der Bundesligen unterwegs ist, macht so seine Erfahrungen mit rassistischen Sprüchen. Meist sind es einzelne Zuschauer, die vor sich hin fluchen, über den türkischen Schiedsrichter oder den dunkelhäutigen Stürmer der Gegner, und sich dabei fremdenfeindlicher Vokabeln bedienen. Die meisten Fälle werden nicht öffentlich wahrgenommen geschweige denn geahndet. Schiedsrichter Hornig kann verstehen, wenn Kollegen Hemmungen haben, die Handlungsanweisungen des BFV konsequent umzusetzen, gerade in den unteren Ligen, wo sie meist alleine ohne Assistenten auf dem Platz stehen. Auch auf Seiten der Vereine hat man natürlich ein Interesse, rassistische Vorfälle nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen um einen Image-Schaden für den Klub zu vermeiden.

Problematisch wird es auch dann, wenn ein Begriff wie „Zigeuner“ von vielen Beteiligten offenbar als nicht ganz so schlimm wahrgenommen wird, vor allem wenn er eher als normales Schimpfwort und nicht speziell gegen Sinti und Roma benutzt wird, was am Sonntag beim Spiel Viktoria gegen Lichtenrade wohl der Fall war. Auch in Franken beim FC Schweinfurt 05 war im Bayernliga-Heimspiel gegen Ismaning am 20. November der Schlachtruf „Zi-Za-Zigeunerpack“ zu hören, gemeint war die Münchener Gästemannschaft.

So etwas wie einen „Index“ oder einen BFV-Katalog für rassistische Begriffe gibt es zwar nicht, doch auf den Schiedsrichterlehrgängen zum Thema werden bestimmte Ausdrücke und Parolen beispielhaft besprochen. Einer davon war das Wort „Zigeuner“, wie Schiedsrichter Hornig sich erinnert. Somit war für ihn der Fall am Sonntag klar, auch wenn die Situation nicht ganz so extrem gewesen sei und obwohl der beschimpfte Torhüter ihm mitteilte, dass er die Pöbler persönlich kenne und das alles nicht so ernst gemeint sei. „Das ganze war eher grenzwertig, aber wenn man so etwas einfach hinnimmt, dann artet es vielleicht aus“, so der Unparteiische. Am vergangenen Sonntag verlief alles nach Plan, die Krakeeler stellten die Rufe nach der Unterbrechung ein, auch weil Ordner des BFC Viktoria während der Unterbrechung das Gespräch mit ihnen suchten. Die Partie konnte fortgesetzt werden, die Sprechchöre der LBC-Fans konzentrierten sich jetzt auf den Unparteiischen, waren inhaltlich aber harmlos.

Autor

49 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben