Berlin-Sport : Mit Mantel und Schwert

Beim OSC gibt es eine Abteilung für Theaterfechten – einmalig in Deutschland

Jörg Petrasch

Die Ritter und Musketiere spielen Hallenhockey. Auf dem Boden der Sporthalle liegen Teile einer Eisenrüstung, die Metallschwerter und Degen stecken noch in den Sporttaschen. „Immer dieses Aufwärmen“, stöhnt ein Jüngling mit blondem langen Haar beim darauf folgendem Stretching. Im Mittelalter hätte man sicher darüber gespottet. Dafür bleibt man im 21. Jahrhundert weitgehend zerrungsfrei. Ernsthaft verletzt wird man heutzutage auch nicht mehr, denn beim OSC Berlin gibt es keine Gegner. Hier wird miteinander gekämpft – mit Schwertern.

Doch wenn die Schwerter mit klirrendem Geräusch aufeinander treffen, dann ist das einstudiert. In der Sporthalle des Fechtzentrums Schöneberg werden Duelle mit verschiedensten Schlag- und Stichwaffen geführt. Es wird pariert, gestoßen und mit großer Geste geschubst. „Das wollte ich schon immer machen“, sagt Nicole, die seit einem Jahr dabei ist. Die Herr-der Ringe-Filme haben die 33-jährige Mutter überzeugt. „Szenisches Fechten“ nennt sich das Ganze. Dieses Trainingscamp für Kindheits- und Jugendwünsche hat Gerhard Borho ins Leben gerufen. Der 65-Jährige läuft von Kampf zu Kampf, spielt Finten und Paraden vor, dreht sich zur Seite und erklärt die Bewegungen. Und immer glühen seine Augen dabei. 1980 ist der Fechttrainer von Schauspielern angesprochen worden. Seitdem bildet er sie im szenischen Fechten für Film und Theater aus. Vor rund 15 Jahren wurde das Theaterfechten dann neben dem Sportfechten in das Vereinstraining des OSC Berlin aufgenommen. „Das ist in Deutschland einmalig“, sagt Borho, der von der Schlagschule der Ritterzeit bis zum Mantel- und -Degen-Fechten alles unterrichtet.

Doch die Vermittlung der Kampftechniken genügt dem Rentner nicht. Die mittlerweile rund 50-köpfige Gruppe, die aus Schauspielern, Studenten, Fechtern und Laien, Männern und Frauen besteht, tritt auch bei verschiedenen Veranstaltungen in Theatern, Schlössern und Kinos auf. Dort führen zwei bis zehn Akteure eigene Stücke auf, die jeweils unter ein Motto gestellt sind. „Der geschichtliche Hintergrund ist recherchiert“, sagt Borho, „die Handlung ist aber erfunden.“ Als Höhepunkt der Choreographie kommt es zum Duell. Und das wäre nur halb so real, wenn die Kleidung und die Waffen nicht auch historisch wären. Dem OSC stehen dafür zwei Schmieden zur Verfügung, in denen die Waffen nachgebaut werden, stumpf natürlich. So ist Max von Fromm, der einzige wirkliche Adelige in der Gruppe, vor Jahren zum szenischen Fechten gekommen. Der 25-Jährige wollte schmieden lernen. Das kann er heute, außerdem „habe ich gelernt, zu nähen und zu schneidern“, sagt Max. Sein Wappenrock besteht aus über 70 Einzelteilen, alles selbst gemacht.

Auch damit konnte der Student mit seinem Partner André bei der vierten Weltmeisterschaft im Mai überzeugen. Sie gewannen einen von zwei dritten Plätzen des OSC im Historischen Fechten. Neben den Kostümen wurde in Frankreich auch Technik und Stil sowie die Geschichte, Originalität, Dramaturgie, Musik und die Interpretation bewertet. Nach dem Training stehen noch zwei Schauspielschüler bei Gerhard Borho. Sie haben eine Frage: die Bedeutung des Entwaffnens zur Zeit von Don Juan. Kein Problem für Borho.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben