Willmanns Kolumne : Tennis Borussia ist mal wieder auferstanden

Frank Willmann war für seine Kolumne mal wieder im alten Westteil unterwegs, beim Berliner Landespokalspiel zwischen Tennis Borussia und Hürtürkel – nichts für Ästheten, wie er findet.

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Jubel im Mommsenstadion: Tennis Borussia ist im Berliner Pokal eine Runde weiter.
Jubel im Mommsenstadion: Tennis Borussia ist im Berliner Pokal eine Runde weiter.Foto: Imago

Mein erster Besuch im Mommsenstadion geschah am 2. Juni 1993. Aufstiegsrelegation zur zweiten Bundesliga. Tennis Borussia gegen Union Berlin. Westberlin gegen Ostberlin. Ein Kick der Weltauffassungen im milden Sommerwind. Ein Schlagerproduzent schwang bei TeBe das Zepter, im Tor hielt Bodo Rudwaleit seine Tatzen hin. „Bodo Eierkopp“ schrien höhnisch viele Jahre die Fans, wenn Bodo als Torwart des BFC Dynamo in die Stadien der DDR einlief. Auch die Unioner erkannten im Tor der Tennis Borussen Bodo den alten Feind und machten ihm das Leben zur Hölle.

Das Stadion war restlos ausverkauft. Auf einen TeBe-Fan kamen drei Unioner, eine unglaubliche Stimmung. Einige Gossen-Magazine heizten mit ihrem Geschrei vom Ost-West-Gipfel die Partie zusätzlich auf. Ich kam mit einem Schweizer Freund zu spät. Die Kassen geschlossen, es gab keine Karten mehr. Es war sein erstes Fußballspiel. Und sollte auch sein letztes werden. Glücklicherweise trafen wir auf Unions Einschleichelite. Wir hängten uns an die versierten Schnäppchenjäger. Liefen mit ihnen ums Stadion. Auf der Suche nach einem Schlupfloch ins Glück. Am angrenzenden S-Bahngelände wurden wir fündig. Die Unioner standen wie ein Mann auf der Geraden gegenüber der Tribüne. Dahinter ein Zäunchen, dann Bahngelände. Der Zaun war kein Hindernis.

Drinnen empfingen uns die Schallwellen des Unionblocks. „Tod und Hass für Teee Bääää Cäää“! Union wollte unbedingt in die zweite Liga, doch TeBe war Favorit. Ohne eine Niederlage hatte TeBe die Saison überstanden. Die Charlottenburger empfanden den Besuch ihrer Ostberliner Brüder als Kulturschock. Union pinkelte ihnen in die Vorgärten und jubelten „Wir latschen durch Gemüse, wir latschen durch Salat – hurra wir sind Unioner, für uns bezahlt der Staat“! Es ging auch ekliger.

Antisemitische Gesänge von Union-Fans gegen TeBe

Vor zwanzig Jahren war Fußball in Deutschland bisweilen bitterböse. Rassistische Beleidigungen gehörten in fast allen Stadien zum Standardprogramm und wurden selten von Fans, Funktionären oder der Politik hinterfragt. Während des Spiels sangen viele Unioner „Gib Gas, gib Gas, wenn Tennis Borussia durch die Gaskammer rast“ oder, in Anspielung auf den verstorbenen jüdischen Fernsehmoderator und TeBe-Fan „Hans Rosenthal ist tot, der alte Jude lebt nicht mehr – Nie mehr, nie mehr, nie mehr Dalli-Dalli“. Mein Schweizer Kumpel Danielle hatte italienische Eltern, schwarze Haare und sehr braune Haut. Er wollte nicht mehr bei den Union-Fans stehen. Und mag seit diesem Besuch unseren Sport nicht mehr.

Union gewann das hitzige Derby bei TeBe und wähnte sich schon in der Zweiten Liga. Wenige Wochen später spielte eine gefälschte Bankbürgschaft Schicksal. Union bekam keine Lizenz. Nutznießer war TeBe. Seither mögen sich die Fans beider Vereine nicht. TeBe hatte schon damals ein leicht linkslastiges Publikum. Nach den Spielen gegen Union verstärkte sich das linke Image, auch wegen der Anfeindungen aus dem rechten, beziehungsweise neutralen Fanlager.

In den 90ern suchte der Verein verstärkt den Schulterschluss mit alternativen Projekten, obgleich auch komischerweise windige Finanziers wie die Göttinger Gruppe den Club als Sprungbrett in den großen Fußball missbrauchten. Die Göttinger Gruppe war eine Kapitalgesellschaft, die auf dem sogenannten grauen Kapitalmarkt in Deutschland tätig werkelte und nicht nur bei TeBe verbrannte Erde und leere Kassen hinterließ. Die Geschichte der Tennis Borussen ist reich an unsauberen Finanzkapriolen und Insolvenzen. Trotzdem ist er seiner Sympathien in der linken Szene Berlins nicht verlustig gegangen.

Vereinsheime - Oasen des Berliner Fußballs
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1 von 307Foto: Kai-Uwe Heinrich
22.06.2016 17:28Die Perlen unter den Gaststätten im Berliner Amateurfußball. Und so morbide wie dieses Tor in Charlottenburg ist auch der Zustand...

Die letzte Insolvenz beutelt TeBe noch immer, zurzeit bolzt der Verein sich durch die sechste Liga, Berlinliga genannt. Dort spielt man unter anderem gegen den TSV Rudow, der unter seinen Fans traditionell etliche Neonazis hat. Entsprechend hoch sind bei diesem Derby die Sicherheitsmaßnahmen. In Rudow steht immer eine Hundertschaft Polizisten bereit.

Mit Israel- und Regenbogen-Fahnen gegen Hürtürkel

Die aktuelle Tennis Borussia ist ein sympathischer Club. Fanaffin, ohne gierige Geschäftemacher. Arm, ein bunter Hort. Vergangenen Freitag ging es im Berliner Pokal gegen den Oberligisten Hürtürkel. Die spielen eine Liga höher. Ein Verein, dem man eine gewisse Nähe zu den Grauen Wölfen nachsagt. Graue Wölfe ist die Bezeichnung für Mitglieder der rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung. In Kreuzberg griffen im September 2013 Hürtürkel-Anhänger aus ihrem Vereinsheim heraus eine Solidaritätsdemonstration mit den Gezi-Park-Protesten in der Türkei an.

Die rund vierhundert TeBe-Fans waren gut vorbereitet. Sie schwenkten Israel-und Regenbogenfahnen. Konzentrierten sich in ihren Gesängen aber auf die fußballerischen Zusammenhänge. Zumal in den Reihen ihrer Mannschaft zwei in der Hinrunde noch für Hürtürkel kickende Spieler agierten, die auch schon für den BFC Dynamo aufliefen. Der Weg zum Stadion führte mich vorbei an der abgewichsten Avustribüne. Visavis befand sich einst die Deutschlandhalle. Freundlich grüßt der Berliner Filz. In den Charlottenburger Vorgärten blühten die Krokusse, die wenigen Hürtürkel-Fans liefen artig auf dem Bürgersteig.

Bei TeBe kickt das in die Jahre gekommene, einstmals schlampige Genie Herr Fuß. Er wird durch eine Crowdfunding-Maßnahme der Fans bezahlt. Auch der Rest der Mannschaft hat alle Hoffnungen auf eine Profikarriere längst fahren gelassen – talentierte Freizeitkicker. Ich stehe im Fanblock neben dem Groundhopper und Buchautor Jörg Pochert, TeBe-Fan seit den späten 90ern. Ihm gefällt die gechillte Atmosphäre im Mommsenstadion. Faschos und Dummvolk trifft man im Fanblock nicht. TeBe ist der typische Zweitverein von in Berlin studierenden, alternativ orientierten Fans. Freitagabendliebe. Wann immer es geht, kickt TeBe um 19 Uhr am Freitag. Ab 21 Uhr locken das Casino und die Berliner Nachtwelt.

Der Kick zwischen TeBe und Hürtürkel ist nichts für Ästheten. Irgendwer singt: „Hertha und Union – Zwangsfusion“. Die Fans lachen. Und haben Angst vor der Verlängerung. Plötzlich trifft TeBe-Perle Alexander Greinert zwei Minuten vor Schluss zum 1:0. Vorlage von Fuß. Stolze Türken am Boden. TeBe hat den Scheintod besiegt. Und träumt vom Viertelfinale gegen den BFC Dynamo.

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