Sport : Berlusconis unkontrollierte Offensive

Schulden, Manipulationen und ein seltsamer Fernsehvertrag: Italiens Fußball versinkt kurz vor dem Saisonstart immer mehr im Chaos

Vincenzo delle Donne[Rom]

In der fußballlosen Sommerzeit beflügelten einst spektakuläre Transfers die Fantasie der italienischen Fans. In diesem Jahr aber geht selbst der Wechsel von Luis Figo zu Inter Mailand unter in Meldungen über Steuerschulden, Spielmanipulationen und gefälschte Bürgschaften. Klubs werden von einem Gericht zum Zwangsabstieg verurteilt und vom nächsten freigesprochen. Andere Vereine reklamieren eventuell frei werdende Ligaplätze auf juristischem Weg für sich. Die Zusammensetzung der Profiligen ist kurz vor dem Saisonstart ungewiss.

In das allgemeine Sommerchaos platzte dann auch noch die Nachricht, dass die Fernsehrechte erstmals in der Geschichte der Serie A an einen privaten Sender gingen. Der Zuschlag ging an die Mediaset-Gruppe von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Der ist bekanntlich auch noch Besitzer des AC Mailand. „Wir werden den Italienern Fußball ohne Ende geben", sagte Berlusconis Sohn Pier Silvio Berlusconi der Mailänder Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“. Kritiker monierten, die geplante Fußballdröhnung sei ganz im Sinne des Vaters, damit vor der Parlamentswahl im kommenden Frühjahr von der schlechten wirtschaftlichen Lage des Landes abgelenkt werde.

Noch aber weiß Berlusconi nicht, welche Mannschaften sein Sender in der kommenden Saison übertragen darf. Gleich 17 Klubs wurde jüngst wegen fehlender Auflagen von der Kontrollkommission des italienischen Fußballverbandes die Lizenz für die kommende Spielzeit verwehrt. Die Urteile wurden zwar von der zuständigen Kommission des italienischen Olympischen Komitees bestätigt. Nun versuchen die ausgeschlossenen Klubs, die Lizenzen über das römische Verwaltungsgericht zu erkämpfen. Parallel bemühen Klubs wie der mittlerweile zweitklassige AC Bologna die Gerichte, um ihre Ansprüche auf die vakanten Erstligaplätze durchzusetzen.

Der Zampano im allgemeinen Durcheinander um die Lizenzrechte ist Adriano Galliani, in Personalunion Präsident des Ligaausschusses und der Vizepräsident des AC Mailand, kurzum der sportliche Statthalter Berlusconis. „In diesem Jahr werden wir ohne Erbarmen gegen die Klubs vorgehen, die nicht die Lizenzauflagen erfüllen“, hatte Galliani noch vor kurzem getönt. Es war eine leere Drohung, denn viele Entscheidungen des Ligaausschusses wurden von anderen Sportgerichten oder ordentlichen Gerichten wieder gekippt. Das letzte Wort hat am 9. August der Staatsrat. Erst dann können die Spielpläne für sämtliche Profiligen erstellt werden.

Bis dahin regiert der Protest. „Wir müssen in der zweiten Liga spielen und Messina und Reggina dürfen in der Serie A spielen, obwohl sie eine Steuerschuld von 32 Millionen Euro haben", sagt etwa Giuseppe Gazzoni. Der Präsident des AC Bologna moniert schon seit langem, viele Klubs betrieben mit der Zustimmung des Verbandes und staatlicher Stellen unlauteren Wettbewerb. Sie würden zwar teure Spieler verpflichten, zugleich aber ihre Steuerschulden ignorieren.

Da ist zum Beispiel der AC Turin. Nach dem Wiederaufstieg in die Serie A legte die Vereinsführung eine gefälschte Bankbürgschaft vor, mit der Steuerschulden in Höhe von 32 Millionen Euro abgesichert werden sollten. Der Betrug flog auf, und kein anderer Investor fand sich bereit, die Summe vorzustrecken, um dem Arbeiterklub aus der Bredouille zu helfen. Trotzdem klagt der Verein gegen den Lizenzentzug. Auch den AC Messina drücken Steuerschulden von 14 Millionen Euro. Aber in Sizilien gelten zuweilen andere Gesetze. Ohne Probleme gestand die autonome Finanzbehörde dem Klub eine Ratenzahlung zu. Zudem blockierten Messinas Fans aus Protest gegen den drohenden Lizenzentzug die Überfahrt über die Meeresenge von Sizilien aufs italienische Festland. Solche Mühe machte man sich in Reggina erst gar nicht. Der kalabrische Klub erhielt die Lizenz, obwohl er noch eine Steuerschuld von 32 Millionen Euro abzutragen hat. Eine unverständliche Entscheidung. Dabei hatte Regginas Vereinsführung den Finanzbehörden weder eine Ratenzahlung angeboten noch eine Bürgschaft vorgelegt.

Den FC Genua bewahrt dagegen keine Bürgschaft vor der Verbannung in die Drittklassigkeit. Der vermeintliche Aufsteiger war dabei erwischt worden, wie er den 3:2-Sieg im letzten Saisonspiel der Serie B gegen den AC Venedig erkauft hatte. Ein Vertreter der Venezianer war vor dem Spiel dabei erwischt worden, wie er das Firmengelände von Genuas Klub-Präsident Enrico Preziosi mit 250000 Euro in bar verließ.

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