Bernd Schneider : Präzision im Fuß

Der 36-Jährige hat Bayer 04 Leverkusen um die Auflösung seines Vertrages gebeten. Grund ist eine schwere Rückenmarksverletzung

Stefan Hermanns
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Er wollte immer nur spielen. Bernd Schneider brachte viele zum Staunen. Foto: ddp

Berlin - Wie viel Präzision Bernd Schneider in seinen Füßen hat, war in seiner letzten Amtshandlung als Fußballer noch einmal zu sehen. Im Olympiastadion zu Berlin trug sich die Geschichte zu, Ende Mai im Endspiel um den DFB-Pokal zwischen Werder Bremen und Bayer Leverkusen. In der zweiten Halbzeit durfte sich Schneider endlich warmlaufen. 0:1 lag Bayer zurück, die Zeit verrann, aber wenn jetzt Schneider ins Spiel kommen würde … Eine Viertelstunde noch. Schneider lief. Zehn Minuten. Schneider lief. Fünf Minuten vor dem Ende wechselte Leverkusens Trainer Bruno Labbadia zum ersten Mal aus. Schneider lief weiter, aber er guckte jetzt immer öfter zu Labbadia. Sein Flehen wurde nicht erhört. Als das Spiel zu Ende war, ging Schneider zu einem Absperrpfosten neben der Ersatzbank. Ein präziser Tritt. Zack! Der Pfosten knallte zu Boden. Schneider ging zum zweiten. Zack!

Er wollte doch nur spielen.

Damit ist es jetzt endgültig vorbei. Der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen und der deutschen Nationalmannschaft hat am Freitag das Ende seiner Karriere als Fußballer verkündet. „Mit meiner Entscheidung folge ich den Ratschlägen der Fachärzte“, teilte der 35-Jährige mit. Im April 2008 hatte sich Schneider bei einem Sportunfall an der Bandscheibe verletzt, bei einer Nachuntersuchung stellte sich jetzt heraus, dass dabei auch das Rückenmark geschädigt worden war. Die Fortsetzung seiner Karriere wäre ein zu großes Risiko gewesen.

Am 16. Mai hat Bernd Schneider zum letzten Mal auf dem Platz gezaubert. Mehr als ein Jahr hatte er zuvor pausiert, dann wurde er gegen Borussia Mönchengladbach 13 Minuten vor dem Ende noch einmal eingewechselt. „Das war wirklich ein sensationelles Erlebnis“, sagt Schneider. „Ich fand es einfach schön und beeindruckend, wie sich alle mit mir gefreut haben.“ Man kann sich vorstellen, wie schwer es Schneider gefallen sein muss, sich nun doch ins Unvermeidbare zu fügen. Fußball war ihm stets mehr Lust als Profession. Keine Episode beschreibt seinen unbändigen Spieltrieb besser als die Geschichte aus seinem Sommerurlaub 2005, die Schneider einmal eher beiläufig preisgegeben hat. Damals fragte er ein paar Engländer, ob er sich ihrem Hobbykick anschließen dürfe. Klar, kein Problem, aber die Engländer hatten natürlich keine Ahnung, wen sie da vor sich hatten. Schneider hat erzählt, sie hätten sich dann schon ein bisschen darüber gewundert, was er auf dem Platz angestellt habe.

Doch Schneider vermochte nicht nur englische Hobbykicker in Staunen zu versetzen. Im WM-Finale 2002 wunderten sich sogar die Brasilianer über seine Fertigkeiten, die den eigenen kaum nachstanden: über seine Tricks und Finten, die Haken, mit denen er seine Gegenspieler ins Nichts schickte. Der Mittelfeldspieler besaß eine Spielfreude, die eher undeutsch war. Schneider, so heißt es, sei 2002 im Endspiel von Yokohama der einzige Brasilianer auf dem Platz gewesen.

Am Ende gewannen trotzdem die gebürtigen Brasilianer. So war es immer für Bernd Schneider. Nach 17 Jahren als Profifußballer bei Carl Zeiss Jena, Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen, nach 263 Spielen in der Bundesliga und 81 für die deutsche Nationalmannschaft, nach zwei Weltmeisterschaften und einer EM, geht seine Karriere ohne einen einzigen Titel zu Ende. „Es stört mich nicht so sehr“, sagt Bernd Schneider. Wahrscheinlich meint er das sogar ernst. Hauptsache, er konnte spielen.

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