Sport : Besiktas versinkt in einer Nacht Schwere Ausschreitungen beim Istanbuler Derby

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Sturm auf dem Platz. Hunderte Fans lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Foto: dpa
Sturm auf dem Platz. Hunderte Fans lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Foto: dpaFoto: dpa

Istanbul - Als eigentlich schon alles vorbei war, begann die „Chaos-Nacht“ von Istanbul. Im vollbesetzten Olympia-Stadion der türkischen Metropole trugen die Istanbuler Vereine Besiktas und Galatasaray am Sonntagabend ihr Derby aus. Beim Spielstand von 2:1 für Galatasaray stellte der Schiedsrichter in der 92. Minute den brasilianischen Mittelfeldspieler Felipe Melo von Galatasaray nach einem brutalen Foul vom Platz. Auf dem Weg in die Kabine winkte Melo den Besiktas-Fans auf den Rängen demonstrativ mit seinem Trikot zu, dann stürmten hunderte Anhänger aufs Spielfeld. Ordnungskräfte und Polizisten wurden mit Plastikstühlen beworfen, das Spiel wurde abgebrochen.

Besiktas trägt seine Heimspiele derzeit vorübergehend im Olympia-Stadion am Stadtrand aus, weil das eigentliche Besiktas-Stadion in der Istanbuler Innenstadt gerade neu errichtet wird. Als Hausherr des Derbys war Besiktas berechtigt, alle 76 127 Plätze im Stadion mit den eigenen Anhängern zu füllen – aus Sorge vor Ausschreitungen erhalten bei Istanbuler Spitzenbegegnungen keine Fans der jeweiligen Gastmannschaft Zugang zu den Rängen. Doch diesmal waren keine Fans der Gäste nötig, um die Tumulte auszulösen.

Nachdem die Polizei die Lage auf dem Rasen einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatte, begannen die Festnahmen. Insgesamt 67 Menschen wurden verhört und dann wieder auf freien Fuß gesetzt.

Was genau die Ausschreitungen auslöste, blieb am Montag offen. Zeitungen berichteten von Spannungen zwischen zwei Fanklubs von Besiktas. Demnach könnte es einen Zusammenhang zwischen den Tumulten und den regierungsfeindlichen Unruhen in der Türkei geben, die im Juni vom Istanbuler Gezi-Park ausgegangen waren. Damals hatte sich der linke Besiktas-Fanklub „Carsi“ mit der Protestbewegung solidarisiert; in den vergangenen Wochen hatten „Carsi“-Mitglieder mit Schlachtrufen in den Stadien die Proteste gegen die Regierung weiter unterstützt. Nun soll sich ein nationalistisch eingestellter Fanklub, „Adler von 1453“, gegen „Carsi“ gestellt haben. 1453 ist das Jahr, in dem die muslimischen Osmanen das damals christliche Konstantinopel, das heutige Istanbul, eroberten; der Adler ist das Vereinssymbol von Besiktas. Die „Adler von 1453“ protestierten in den vergangenen Wochen mit Blick auf „Carsi“ gegen den Eindruck, dass es nur linke Besiktas-Fans gebe.

Laut Zeitungsberichten griffen einige „Adler“ am Sonntag die Fans von „Carsi“ an – dies sei offenbar der Auslöser für die Spielfeld-Erstürmung gewesen, berichtete die Zeitung „Habertürk“. Einige Fans sollen in Vernehmungen von einer Gruppe von 150 Zuschauern gesprochen haben, die von Anfang an auf Krawall gebürstet gewesen sei. Die „Adler von 1453“ dementierten umgehend, doch kurz vor dem Derby am Sonntag hatten sie über Twitter erklärt, sie seien keine Fans, die ruhig ein Spiel anschauten. Mit dem Blick auf das anstehende Spiel gegen Galatasaray fügten sie hinzu: „Schaut uns heute zu, dann versteht ihr das.“

Was immer die Hintergründe waren: Am Montag wurde in der Türkei heftig über Sicherheitsmängel in den Stadien diskutiert. Die Regierung in Ankara erklärte, sie habe Hinweise darauf, dass mehrere tausend „Provokateure“ ohne Tickets ins Stadion gelangt seien, was von der zuständigen Polizeibehörde bestritten wurde.

Regierungssprecher Bülent Arinc sprach von einem „hässlichen“ Zwischenfall und kündigte eine Bestrafung von Besiktas als verantwortlichem Klub an. Eine erste Strafe gab es schon: Der Kurs von Besiktas an der Istanbuler Börse brach am Montag um zehn Prozent ein – das entspricht einem Verlust von etwa 20 Millionen Euro. Viel Geld, erst recht wenn man bedenkt, dass das Spiel schon so gut wie beendet war. Thomas Seibert

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