Besuch von der Insel : An Englishman at Hertha

Nach seinem Besuch bei den Eisbären hat sich Stephen Bench-Capon, unser Gast aus England, diesmal für Tagesspiegel.de im Olympiastadion bei Hertha umgesehen.

Stephen Bench-Capon

In der U-Bahn Richtung Olympiastadion habe ich mitbekommen, wie manche Hertha-Fans schon um 14 Uhr mit dem Kettentrinken anfingen und wie einer sich „an der letzter Zapfstelle vorm Stadion“ mit einem Kumpel verabredete. Britisches Pferderennen existiert ja ausschließlich, damit man zocken kann und wenn man die Vorbereitung der Fußballanhänger beobachtet, könnte man meinen, es gebe Fußball, bloß damit man saufen kann. Ich will und werde es aber nicht so verstehen. Tore sind doch an sich schon ganz schön. Klar – sie sehen schon schöner aus, wenn man ein bisschen intus hat.

Jedenfalls bot das Spiel dann doch mehr als eine einfache Saufgelegenheit. Auf der Insel wird schnell und verwirrend gespielt, so dass man ohne ein Bierchen durcheinander kommen kann, aber in Berlin haben die Spieler netterweise in der ersten halben Stunde überhaupt nichts gemacht, was ablenken könnte. Sie schenkten den Zuschauern Zeit zum Nachdenken. Da konnte ich mir Gedanken machen über die Olympischen Spiele 1936, den 60. Geburtstag des Grundgesetzes und darüber, ob es allzu ideal ist, dass im Stadion beide Uhren permanent 12 Uhr anzeigen.

Mehr Koordination bei den Fans als bei den Spielern

Sonst war das Stadion ganz in Ordnung. Als ich auf die Tribüne kam, war ich zunächst etwas verwirrt, da in England die Sitze immer die Farbe des Vereins tragen, während sie hier nichts als ein schlichtes Grau zeigten. Da habe ich aber gleich gecheckt, dass die Farbe anderswo herkommt. Die Fans bemühen sich nämlich, während des Spiels selber möglichst blau zu sein.

Trotzdem hatten die Fans jede Menge Koordination. Sie klatschten, sangen und hüpften, als wären sie in der gestrigen Nacht gar nicht bis fünf Uhr am Vorfeiern gewesen. Leider spiegelte die Leistung der Hertha-Spieler die der Fans nicht wirklich wider. Sie sind zwar auch ein bisschen rumgehüpft, und von mir aus hätten die ruhig auch ein bisschen singen dürfen, aber mit schwachen Flanken und wiederholtem Hinlegen im Strafraum blieben sie dem Sieg ziemlich fern. Das machte aber nichts, denn die Laune im Stadion wurde zum Glück durch regelmäßige Meldungen aus Wolfsburg aufrechterhalten. Fans in jeder Kurve waren happy und friedlich und ich schätze sogar, es würde wahrscheinlich nie wieder Probleme mit Hooligans geben, wenn die Bayern jede Woche 5:1 auf den Sack kriegten.

Geschichte, die nicht vergeht - oder doch?

Das 5:1 hat mich selbstverständlich an München 2001 erinnert, den englischen Sieg über Deutschland im Olympiastadion dort, und in diesem Olympiastadion ist natürlich auch viel imposante Geschichte passiert. Das Dortmund-Spiel zeigte mir aber, dass die Geschichte, zumindest hier in Westend, tatsächlich vergangen ist. Auch wenn das Marathontor noch steht, hat sich seit den Sommerspielen 1936 vieles geändert. Damals wurde der Sport zu politischen Zwecken ausgenutzt und die Propagandamaschine war genauso wichtig wie die Medaillenjagd.

Heutzutage steht das Spiel allein im Mittelpunkt. Die Zuschauer waren ja vielleicht nicht ganz begeistert davon, aber Dortmund hat  am Samstag klar gewonnen und Herthas Trainer Favre gab zu, dass der BVB einfach besser war. Klare Siege für die Gelben und Schwarzen hat der Führer damals ja nicht so sehr gemocht.

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