Sport : Beten und strahlen

Egon Boesten

Sie hatte einen Superstart. Nach den explosiven ersten Schritten ging sie mit rasanter Geschwindigkeit in die Kurven, und 50 Meter vor dem Ziel wusste sie bereits: "Das ist geschafft." Catriona LeMay-Doan war, ist und bleibt die schnellste Frau der Welt auf Eis. Die doppelte deutsche Attacke der Berlinerin Monique Garbrecht-Enfeldt und der Erfurterin Sabine Völker wehrte die Kanadierin aus Calgary mit dem schnellsten Rennen beim Eisschnelllauf-Sprint ab. Die Kanadierin strahlte, als sie später ihre zweite olympische Goldmedaille - 1998 gewann sie in Nagano bereits über 500 Meter - umgehängt bekam. "Ich habe gebetet", gestand sie, "Oh god, thank you."

Mehr zum Thema Fotostrecke: Bilder aus Salt Lake City
Tagesspiegel: Alle Berichte von den Olympischen Winterspielen
Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Den beiden deutschen Frauen blieb am Ende nur das Rennen um den zweiten Platz. Doch geschlagen fühlten sie sich überhaupt nicht, sie lachten und winkten ins Publikum. Monique Garbrecht-Enfeldt freute sich: "Ich habe meine Chance genutzt, diesen Moment genieße ich jetzt." 1992 in Albertville stand die 33-jährige Berlinerin, die nach dieser Saison in die USA umzieht, um ihr Englisch aufzubessern, schon mal auf dem Olympiatreppchen. Danach bestimmte sie über viele Jahre die Weltspitze im Sprint - ohne jedoch bei Olympia erfolgreich sein zu können. Dann kam die Krise, eine Saison voller Enttäuschungen und Streit. Es dauerte bis zum Dezember, bis sich Garbrecht-Enfeldt mit ihrem Trainer Joachim Franke wieder zusammenraufte. Und selbst vor dem Rennen auf der Olympiabahn sagte Franke noch: "Monique und eine Silbermedaille - das ist unwahrscheinlich."

Und auch Sabine Völker strahlte über ihre olympische Medaille - ihre erste überhaupt. Schon allzu oft hatte Völker beim Weltcup und bei Weltmeisterschaften dominiert, doch beim wichtigsten sportlichen Wettkampf der Welt versagten oft ihre Nerven. Ja, sie strahlten alle dort oben auf dem Podium. Und winkten. Und umarmten sich.

Besonders die Kanadierin, die sich nach dem ersten 500-m-Rennen vom Vortag noch geweigert hatte, ihre Leistung zu kommentieren, sprudelte verbal über. Mit Blick auf ihren Mann Bart Doan meinte sie: "Er und alle meine Freunde haben mir alle fünf Minuten gesagt, wie ich zu laufen hätte. Diese Goldmedaille ist ein Sieg von uns allen." Und sie sagte das auch in Richtung der anderen kanadischen Sportler, die nicht das Glück hatten, Gold zu gewinnen.

Am Sonntag treffen sich die Sprintspezialistinnen auf der langen 1000-m-Distanz . Die alte und neue Olympiasiegerin sieht zwölf Kandidatinnen für die Medaillen. Monique Garbrecht-Enfeldt und Sabine Völker wollten sich dagegen nicht auf einen Tipp einlassen. Die Bronzemedaillen-Gewinnerin aus Erfurt, deren Paradestrecke der Kilometersprint ist, war über 500 Meter vom fünften Platz auf den dritten vorgerückt. Nachdem die Russin Svetlana Shurova bereits nervlich versagt hatte, habe sie nur gedacht: "Lieber Gott, bloß nicht Vierter werden." Ihr kleines Gebet wurde erhört. Wie alle Gebete dieses Tages.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben