Big Four – die US-Sport-Kolumne : Im Westen, da ist alles besser

Die Washington Wizards stehen vor dem Einzug ins NBA-Finale der Eastern Conference. Hat die beste Basketball-Liga der Welt aber ein Strukturproblem, wenn ein Team ins Play-off-Halbfinale einzieht, das 19 von 30 Spielen gegen die Konkurrenz aus dem Westen verloren hat?

Nikolaus Bönke
Die Wizards wissen mit John Wall ein hoch veranlagtes Talent in ihren Reihen.
Die Wizards wissen mit John Wall ein hoch veranlagtes Talent in ihren Reihen.Foto: Imago

Zum ersten Mal seit 1982 haben die Washington Wizards die zweite Runde der NBA-Play-offs erreicht und dürfen sich gute Chancen ausrechnen, auch noch ins Conference-Finale des Ostens einzuziehen. Ein bisschen viel für ein Team, das mit seiner Bilanz in der West-Tabelle auf Rang 10 gelandet und damit nicht mal startberechtigt für die Play-offs wäre.

Klar, die Wizards wissen mit John Wall und Bradley Beal zwei hoch veranlagte Talente in ihren Reihen. Play-off-erprobte Spieler wie der ehemalige Laker Trevor Ariza, Forward Nené und der ehemalige Kölner Marcin Gortat komplettieren eine starke erste Fünf. Als echtes Spitzenteam braucht man allerdings auch hochkarätige Ersatzspieler, die den Startern eine Ruhepause verschaffen können. Die schwachen Bankspieler der Wizards können das überhaupt nicht leisten und gehören zum Bodensatz der NBA. Im Vergleich zu Miami und den Spitzenteams im Westen fehlt noch eine ganze Menge. Die durchwachsene Bilanz von 44 Siegen und 38 Niederlagen belegt das.

Trotzdem ist Washington in diesen Play-offs unter den besten acht Teams gelandet. Und auch der nächste Gegner, die Indiana Pacers, scheinen durchaus schlagbar. Momentan steht es in der „Best-of-seven“-Serie 1:1. Es muss einiges im Argen liegen in der Eastern Conference, wenn ein Team wie die Wizards zwei Play-off-Runden gewinnen kann. Das fängt schon beim aktuellen Kontrahenten an. Die Indiana Pacers haben innerhalb kürzester Zeit einen Abstieg vom Titel-Aspiranten zum Wackelkandidaten in Runde Eins hingelegt. Die Gründe dafür haben wir erst kürzlich beschrieben. 

Ehemalige Spitzenteams im Sinkflug

Doch was ist mit den anderen großen Teams im Osten, den Celtics, Pistons und den Knicks? Detroit und New York sind Beispiele für katastrophal schlechtes Management. Während Knicks-Besitzer James Dolan mit seiner sportlichen Inkompetenz jedes Jahr aufs Neue eine vernünftige Kaderzusammenstellung torpediert, haben die Pistons im Anschluss an ihre glorreiche Zeit um den Titelgewinn 2004 einen Akteur nach dem anderen grundlos überbezahlt, ohne ihren Meister-Manager Joe Dumars auch nur einmal in Frage zu stellen, erst diesen April musste er seinen Posten räumen.

In Boston hat die Schwächeperiode andere Gründe, sie ist vom Management klar gewünscht. Ganz bewusst hat man unerfahrenen Spielern Einsatzzeit verschafft und die alternden Leistungsträger an andere Teams abgegeben. Denn je schlechter die Sieges-Bilanz eines Teams ausfällt, umso höher sind die Chancen, sich bei dem jährlich abgehaltenen NBA-Draft als erstes einen Spieler aussuchen zu können. Da in diesem Jahr gleich mehrere vielversprechende Talente vor dem Sprung in die NBA stehen, haben auch die Philadelphia 76ers und die Orlando Magic in den sogenannten „Tanking-Modus“ umgeschaltet.

Als wäre das nicht schon genug, haben einige Teams im Osten zusätzlich mit großen Verletzungssorgen zu kämpfen. Chicago war vor der Saison klarer Anwärter auf den Titel, musste allerdings fast die gesamte Saison auf Derrick Rose verzichten, der immerhin 2011 mit dem MVP-Titel ausgezeichnet wurde. Auch die Brooklyn Nets haben den Ausfall ihres besten Spielers, des Centers Brook Lopez, zu beklagen.

Umstrukturierung der Play-offs angedacht

Die kollektive Talfahrt ehemaliger Spitzenteams ermöglicht Außenseitern wie Toronto, Charlotte und Washington zwar schöne Überraschungserfolge, ist aber auch Hauptgrund für das schwache Niveau in den Ost-Playoffs. Wenn man bedenkt, dass die im Westen neuntplatzierten Phoenix Suns mit der gleichen Bilanz wie die, im Osten drittplatzierten, Toronto Raptors die Play-offs verpasst haben, stellt sich auch die Frage nach sportlicher Fairness.

Nicht wenige fordern, die Trennung in Osten und Westen aufzuheben und schlicht die 16 besten Teams für die Play-offs zuzulassen. Mittlerweile ist das auch mehr als ein Gedankenspiel US-amerikanischer Basketball-Experten. Der Chef der NBA, Adam Silver, kündigte bereits an, den Play-offs in Zukunft eine neue Struktur zu verleihen.

Eine interessante Aufgabe für den Comissioner, der jüngst im Skandal um den rassistischen Clippers-Besitzer Donald Sterling bewies, dass er in der Lage ist, sich auch vor Entscheidungen von größerer Tragweite nicht zu verstecken.

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