Sport : Bitte nicht schießen - Der Erfolg wird in Istanbul euphorisch gefeiert

Thomas Seibert

Wenn es etwas zu feiern gibt, kann es den Türken nicht laut genug sein. Als Mittelfeldspieler Hagi von Galatasaray Istanbul am Donnerstag abend bei Leeds United das erste Tor schoss und den Türkischen Meister damit im Uefa-Cup auf Endspielkurs brachte, zischte, knallte und krachte es in der ganzen Türkei: Die Menschen rannten auf die Straße oder den Balkon, zündeten Feuerwerkskörper und Leuchtraketen - und zogen die Revolver. Freudenschüsse aus scharfen Waffen gehören für viele Türken zu einer zünftigen Fußballfeier einfach dazu. Nach dem Schlusspfiff in Leeds, nachdem das Spiel 2:2 geendet hatte und Istanbul dadurch im Finale stand, da zogen Zehntausende in die Zentren von Istanbul, Ankara und anderen großen Städten und feierten dort derart begeistert, dass Istanbuls Polizeichef Hasan Özdemir auf allen TV-Kanälen inständig, und natürlich vergeblich, flehte: "Bitte nicht schießen!"

In Leeds ging es brutaler zu. Vor der Partie waren 23 Hooligans festgenommen worden. Der Anpfiff des Spiels musste um zehn Minuten verschoben werden, weil sich berittene Polizisten Gefechte mit Bierdosen werfenden Leeds-Anhängern lieferten. Auch in Lens kam es vor dem Gastspiel von Arsenal London zu Zusammenstößen zwischen der französischen Polizei und englischen Anhängern, bei denen 20 Arsenal-Fans verletzt wurden. In Leeds waren mehrere Polizisten in einem Pub von betrunkenen Fans angegriffen worden. Vor dem Stadion wurden drei Busse mit türkischen Funktionären und Journalisten mit einem Plakat "Willkommen in der Zivilisation" begrüßt - anschließend wurde unter "Abschaum"-Rufen ein Stein in eines der Busfenster geworfen. Beim Hinspiel waren zwei Leeds-Anhänger in Istanbul erstochen worden.

Die türkischen Zeitungen konzentrierten sich allerdings auf den Sport. "Es ist kein Traum - wir sind im Finale", jubelte die Boulevard-Zeitung "Sabah", die wie die meisten Blätter ihre ganze Titelseite dem Sportereignis widmete. Leitartikler verglichen den Kampf der Istanbuler Elf im Stadion von Leeds mit dem Sklavenaufstand des Spartakus und den Taten der Gladiatoren in den Arenen Roms. Das nationalistische Blatt "Hürriyet" verkündete sogar, mit der ersten Endspielteilnahme eines türkischen Teams beginne eine neue Zeitrechnung. Eine andere Zeitung dankte Allah. Im Finale, am 17. Mai in Kopenhagen, trifft Galatasaray nun auf Arsenal London.

Tagelang hatte das ganze Land dem Spiel in Leeds entgegengefiebert. In Geschäften, in Bussen und auf der Straße gab es kaum ein anderes Gesprächsthema. Selbst die Politik legte eine Pause ein, obwohl das Parlament mitten in der Suche nach einem neuen Staatspräsidenten steckt. Sogar die Ansagerin des Fernsehkanals NTV legte sich ein Halstuch in den Vereinsfarben von Galatasaray um. Ein Land im Siegestaumel.

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