Bob-Weltcup : Putinchen fährt Schlitten

Weil es kein Fördergeld vom eigenen Staat erhält, wirbt das Frauenbob-Team der USA für russischen Wodka. "Das Logo auf einen russischen Bob zu kleben – das würde keinen interessieren", sagt Manager Lenny Kasten, der den Deal eingefädelt hat.

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Nüchtern anschieben. Pilotin Jamie Greubel und Emily Azevedo starten in Calgary mit Wodka-Werbung in die Saison.
Nüchtern anschieben. Pilotin Jamie Greubel und Emily Azevedo starten in Calgary mit Wodka-Werbung in die Saison.Foto: promo

Kyrillische Schrift und Stars and Stripes – auch fast 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges will das immer noch nicht so recht zusammen passen. Ab dem heutigen Freitag wird die Weltöffentlichkeit die Gegensätze vereint sehen: auf einem Bob. Die amerikanische Pilotin Jamie Greubel und ihre Anschieberin Emily Azevedo starten beim Weltcup in Calgary mit Werbung für „Wodka Putinka“ in die Saison und werden aufgrund dieser Tatsache wohl mehr Aufsehen erregen als mit sportlichen Erfolgen. Greubel selbst freut sich darauf, mit dem ungewöhnlichen Sponsor an den Start zu gehen. „Ich finde das einfach lustig“, sagt die 30-Jährige. „Und außerdem: Alles, was uns Geld bringt, ist doch positiv.“

Den Deal eingefädelt hat Lenny Kasten, der Manager der US-amerikanischen Bob- und Skeleton-Mannschaft. Wenn Kasten über seinen neuen Geldgeber redet, ist ihm die Freude über den Marketing-Coup anzumerken. „Während unserer Trainingswoche in Sotschi gab es nur gute Reaktionen“, sagt der 59-Jährige. „Alle waren überrascht, die Leute haben gelächelt. Sogar die Sicherheitsleute wollten den Bob fotografieren.“ Auch Medien in den USA hätten die Geschichte aufgegriffen, neulich habe die „New York Times“ angerufen, noch größer sei die Aufmerksamkeit aber in Russland. Dort ist seit Anfang 2013 Alkoholwerbung außerhalb von Geschäften, Restaurants und Bars verboten, Wodka Putinka hat jetzt einen kreativen Weg gefunden, dieses Verbot zu umgehen.

„Putinka“ ist eine Verniedlichung und könnte mit „Putinchen“ oder „kleiner Putin“ übersetzt werden, seit der Markteinführung 2003 wird die populäre Spirituose bewusst mit dem Namen des russischen Präsidenten beworben. Die Marke prangt nun auch für westliche Augen gut lesbar auf der Nase von Bob USA II, direkt unterhalb der amerikanischen Flagge. Ärger mit seinem Verband muss Lenny Kasten deswegen nicht befürchten. „Wir wollen damit ja keine Politik machen. Aber wir bekommen nun einmal keine finanzielle Unterstützung von unserer Regierung, wir müssen das Geld selbst auftreiben“, sagt Kasten. Angst vor Anfeindungen hat der Manager nicht, schließlich würde auch Manchester United mit Aeroflot zusammenarbeiten, Gazprom sei im Fußball überall zu finden. „Wir wollen die Menschen zusammenbringen, wir wollen sie nicht spalten“, sagt er. „Und zum Trinken wollen wir auch niemanden verführen.“ Auch wenn er eine politische Bedeutung des Sponsorings abstreitet, ist sich Kasten natürlich bewusst, dass sich Wodka Putinka nicht zufällig eine US-Athletin ausgesucht hat: „Es wäre ja nicht lustig, das Logo auf einen russischen Bob zu kleben – das würde keinen interessieren.“

Für Jamie Greubel bedeutet der Deal, dass sie finanziell einigermaßen gesichert in die olympische Saison starten kann. In den vergangenen fünf Sommern hat sie als Kellnerin gearbeitet, um ihren Traum von einer Olympia-Teilnahme am Leben halten zu können. Im Internet wirbt sie auf einer Crowdfunding-Webseite um Spenden und listet detailliert ihre Ausgaben auf: zum Beispiel 350 US-Dollar für neue Spikes, 300 Dollar für Materialien wie Klebeband, Sandpapier und Werkzeuge, 1200 Dollar für Mietwagen und Benzin während der Ausscheidungswettkämpfe der US-Mannschaft. Als das Gepäck mit ihrer Ausrüstung auf dem Rückweg aus Sotschi verloren ging, musste Greubel ihr Sparkonto plündern, um Ersatz zu besorgen und keine wertvolle Trainingszeit zu verlieren. „Bobfahren ist ein teurer Sport“, sagt Lenny Kasten. „Allein die Transportkosten sind immens.“ Der Manager träumt von einem System wie in Deutschland, wo die besten Bobfahrer als Sportsoldaten ein gesichertes Einkommen und optimale Bedingungen haben: „Ich halte das deutsche Modell für ideal.“

Welche Summe seine Mannschaft von Wodka Putinka bekommt, will Kasten nicht sagen. Nur so viel: „Ich kann ihnen versichern, dass es gutes Geld für unsere Athleten ist.“ Allein eine Tatsache an dem Deal macht ihn traurig: Wenn Kasten und seine Mannschaft im Februar nach Sotschi zurückkehren, wird Greubels Bob wieder schmucklos an den Start gehen. Individuelle Werbung ist bei den Olympischen Spielen verboten. „Schade“, sagt Kasten. „Das wäre wirklich unglaublich.“

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