Bodo Illgner zu Deutschlands WM-Sieg vor 25 Jahren : Der Geist von Italien

Heute vor 25 Jahren wurde Deutschland in Italien zum dritten Mal Fußball-Weltmeister. Der damals 23 Jahre alte Nationaltorwart Bodo Illgner erklärt, wieso es in Rom 1990 so kommen musste.

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Das Tor der Tore. Andreas Brehme trifft per Elfmeter zum 1:0-Finalsieg gegen Argentinien.
Das Tor der Tore. Andreas Brehme trifft per Elfmeter zum 1:0-Finalsieg gegen Argentinien.Foto: Imago

Italien 1990, da denke ich zuerst immer an drei frisierte Motorräder. An einem spielfreien Tag wollten Litti, Paul Steiner und ich, also wir Kölner Jungs, runter zum Comer See fahren. Vor unserem Hotel warteten ein paar junge Italiener auf ihren Maschinen. Die wollten Autogramme, wir wollten einen Ausflug machen. Also haben wir gesagt: Klar, ihr kriegt die Unterschriften, wenn wir uns dafür eure Motorräder bis zum Abend leihen können. Sie willigten ein, allerdings war unserem Trainer Franz Beckenbauer die Sache nicht geheuer. Die Motorräder waren ziemlich aufgemotzt, das war Franz zu riskant. Obwohl der Trainer gegen unseren Ausflug war, hat er kurze Zeit später drei Motorräder für uns organisieren lassen. Auf denen sind wir dann mit unseren Frauen auf dem Rücksitz zum Comer See gefahren.

Da wären wir auch schon an einem wichtigen Punkt angelangt: Sicher, wir haben in Italien wohl den besten Fußball von allen Mannschaften gespielt, aber aus meiner Sicht war der eigentliche Grund für den Titelgewinn unser Teamgeist. Nie werde ich den vergessen, weil ich bei keinem späteren Turnier je wieder so einen Zusammenhalt unter den Spielern erlebt habe. Deshalb finde ich es auch umso bedauerlicher, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Jubiläumsveranstaltung nach Deutschland kommen kann, die der DFB organisiert. Nur zu gern hätte ich all die Jungs wiedergesehen. Aber eine Magen-Darm-Grippe zwingt mich zum Daheimbleiben in Florida.

Der Geist von Italien ist der Verdienst von Franz

Der Geist von Italien ist der Verdienst von Franz. Er verstand es wie kein Zweiter, eine Gruppe mit Autorität zu führen, ohne uns Spieler zu sehr einzuschränken. Wir hatten immer Freiräume, wussten aber, dass wir nicht über die Stränge schlagen dürfen. Das haben wir auch nicht gemacht, aber solche Erlebnisse wie unsere Motorradtour sind enorm wichtig, wenn man über einen so langen Zeitraum als Mannschaft zusammen ist.

Je besser die Stimmung in der Truppe ist, desto erfolgreicher kann die Mannschaft sein. Das ist bedeutender als die Qualität eines Einzelnen. Wie wichtig Teamgeist ist, hat man ja in der Vergangenheit immer wieder gesehen.

Uns hat der Zusammenhalt geholfen, auch kritische Phasen zu überstehen. Etwa im Halbfinale gegen England, aus meiner Sicht ein Schlüsselspiel auf dem Weg zum Titel. Die Engländer hatten damals auch eine verdammt gute Truppe. Peter Shilton, Paul Gascoigne, Chris Waddle oder David Platt – alles herausragende Spieler. Da war schon eine Menge Respekt auf beiden Seiten. Das Spiel war dementsprechend ausgeglichen, fast logisch, dass es zum Elfmeterschießen kam. Heute bin ich froh darüber – sonst würde sich ja überhaupt niemand mehr daran erinnern, dass ich 1990 mitgespielt habe. Das Einzige, was man mit mir in Verbindung bringt, ist das Elfmeterschießen gegen England.

Ich bin keiner, der pausenlos in Erinnerungen schwelgt

Wenn die Leute an die Weltmeister von 1990 denken, dann haben sie Lothar Matthäus, Rudi Völler oder Andreas Brehme im Sinn. Mein Name gehört nicht in diese Reihe. Dafür gab es für mich einfach nicht genügend Möglichkeiten, um mich auszuzeichnen. Ich bin darüber nicht böse – im Gegenteil. Wir hatten eine starke Mannschaft, vor mir ließen Klaus Augenthaler und all die anderen kaum etwas durch. Im Gegensatz zu Oliver Kahn, der Deutschland 2002 fast im Alleingang ins Finale gebracht hat, hatte ich keine schwierigen Aufgaben zu bewältigen.

Das änderte sich gegen England. Viele Leute denken, ein Elfmeterschießen ist aus Fußballersicht der nervenaufreibendste Moment. Für einen Feldspieler mag das stimmen, für Torhüter nicht. Ich war sehr konzentriert und bereit, meinen Anteil zum Titel zu leisten. Von Nervosität keine Spur. Wahrscheinlich war ich so ruhig, weil ich mir zu hundert Prozent sicher war, dass ich den einen oder anderen Ball halten werde. So kam es dann auch.

Um ehrlich zu sein: Ich bin keiner, der pausenlos in Erinnerungen schwelgt und sich alte Videos anschaut. Der 8. Juli beziehungsweise die WM in Italien sind in meinem Leben aber stets präsent. Gerade wenn mal wieder Jubiläen anstehen, nehmen die Interviewanfragen zu. Dann kommt in mir alles wieder hoch. Na ja, oder sagen wir besser: einiges. Die WM-Spiele habe ich nie wieder gesehen. Folglich sind meine Erinnerungen an das Turnier nicht mehr lückenlos. Aber woran ich mich noch genau erinnern kann, ist diese Zuversicht, die wir alle hatten, nachdem Chris Waddle den letzten Elfmeter in den Abendhimmel von Turin gejagt hatte. In diesem Moment waren wir sicher, nun auch Weltmeister werden zu können.

Rom war auf unserer Seite

Dass Argentinien zuvor gegen Italien gewonnen hatte, war für uns ein großer Vorteil. Ein Finale gegen den Gastgeber bestreiten zu müssen, ist immer schwerer. Gegen Argentinien aber war uns die Unterstützung der Tifosi sicher, zumal viele von uns in der Serie A spielten und dort Publikumslieblinge waren. Im Vorfeld war immer vom Traumfinale Italien gegen Deutschland geredet worden. Und dass die Argentinier diesen italienischen Wunsch zerstört hatten, machte sie im Gastgeberland natürlich nicht gerade beliebter: Rom war auf unserer Seite. Das Finale war für uns dann einfacher zu spielen als etwa das Halbfinale oder das Achtelfinale gegen die Niederländer. Argentinien spielte passiv, und nachdem Andy den Elfmeter versenkt hatte, war eigentlich klar, dass sie nicht mehr zurückkommen.

Als ich kurz darauf den WM-Pokal in die Höhe stemmte, war ich 23 Jahre alt und dachte: So kann es weitergehen. Ich glaubte wirklich, nun stünden uns goldene Jahre bevor und ich würde noch viele Titel mit der Nationalelf gewinnen. Erst später, nach vielen Niederlagen und Enttäuschungen, habe ich verstanden, was wir da in Italien eigentlich erreicht hatten.

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