Boris Becker im Interview : "Novak hat das letzte Quäntchen Magic nicht gehabt"

Boris Becker hat trotz des frühen Scheiterns von Titelverteidiger Novak Djokovic bei den Australian Open ein positives Fazit gezogen. Der neue Coach des serbischen Weltranglisten-Zweiten würde sich generell mehr direkten Einfluss wünschen.

In der Box: Boris Becker.
In der Box: Boris Becker.Foto: Imago

Herr Becker, Wie geht man nach so einem Spiel nach Hause? Genauso deprimiert wie früher als Spieler?

Ich habe bis fünf, halb sechs kein Auge zubekommen. Wenn man mit Haut und Haaren mitleidet, dann ist man emotional sehr aufgewühlt und muss das Ganze erstmal verarbeiten.

Hätte Djokovic irgendetwas anders machen müssen?

Den letzten Punkt gewinnen. Aber man muss fairerweise auch Stan Respekt zollen, er hat fantastisch gespielt. Novak hat einige unerzwungene Fehler gemacht und schwupp war das Spiel rum. Wir waren noch gar nicht bereit, das ist schon eine Enttäuschung.

Kann man als Trainer überhaupt noch Einfluss nehmen und Hilfestellung leisten?

Wenn das Spiel erstmal losgeht und die Spieler auf dem Platz sind, dann ist es schwer für einen Trainer, richtig einzugreifen. Die Frage stellt sich ja, ist es nicht an der Zeit, dass Tennis wie in anderen Sportarten auch den Trainer auf der Bank erlaubt, um einfach direkter, schneller eingreifen zu können. Ich glaube, das würde der Qualität des Spiels gut tun und auch die Bedeutung des Trainers erhöhen.

Was hätten Sie ihm denn gesagt, wenn Sie gedurft hätten?

Auf Details möchte ich nicht eingehen, aber solche Spiele werden auch durch Strategien entschieden. Es geht um die Psyche. Es gibt kaum einen Sport, der so viele Höhen und Tiefen hat wie ein Fünfsatz-Match im Tennis. Da gibt es schon Situationen, wo man als Trainer eingreifen könnte.

Haben Sie direkt nach dem Spiel noch mit Novak gesprochen oder lässt man ihn nach so einer Niederlage erst einmal in Ruhe?

Da ist man normalerweise nicht aufnahmefähig. Weder der Spieler noch alle Beteiligten. Wir haben uns am Tag danach zwei Stunden lang unterhalten. Wir haben im Team offen und ehrlich darüber gesprochen, was war gut, was war schlecht.

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War das früher als Spieler bei Ihnen auch so, dass Sie nach großen Niederlagen erst einmal Ihre Ruhe haben wollten?

Ja. Man ist noch emotional aufgewühlt, man ist müde, man möchte mit keinem Menschen reden. Das war in der Regel bei mir auch so.

Man hatte das Gefühl, das war ein Spiel, das genau etwas für Sie gewesen wäre. Hätten Sie gerne auf dem Platz gestanden? Und hätten Sie die Partie gewonnen?

Nein, das maße ich mir nicht an. Novak hat schon viele dieser engen Spiele gewonnen. Aber gerade weil ich solche Partien auch erlebt habe, weiß ich genau, wie sich ein Spieler in welcher Situation fühlt.

Wie waren denn jetzt die zwei Wochen für Sie insgesamt in Melbourne?

Herausfordernd, anstrengend im positiven Sinne. Es ist vor Ort ein Fulltime-Job. Es ist Teil des Jobs, dass man nicht nur auf die Vorhand des eigenen Spielers schaut, sondern auch auf die Umstände der anderen. Dass man schaut, wie macht sich der Nadal warm, was macht der Murray, wie ist der Lendl drauf? Nach wie vor habe ich mit Stefan Edberg (Trainer von Roger Federer) das beste Verhältnis, wir sind wie zwei Brüder, die vieles gemeinsam haben und sich deswegen gut austauschen. Es hat vor allem großen Spaß gemacht. Es war aber nichts dabei, wo ich sage, das hat mich jetzt total überrascht.

Hätten Sie lieber bei einem Turnier angefangen, das Djokovic nicht zuvor dreimal in Serie gewonnen hat?

Das ist eine gute Frage. Alles andere als ein Sieg ist ja erst einmal eine Niederlage. Wenn man bereits viermal gewonnen hat, dann ist das als Neustart sicherlich nicht das optimale Turnier. Deshalb war es mir auch wichtig, schon vorher in Marbella und Abu Dhabi dabei zu sein. Einfach, um ein bisschen mehr Meilen gemeinsam zurückgelegt zu haben. Das Positive ist, ich weiß jetzt ganz genau, wie er tickt, wenn es um die Wurst geht. Da habe ich Seiten bei Novak gesehen, die ich vorher nicht kannte. Ich hätte mir gewünscht, bei etwas kleineren Turnieren anzufangen, um dann nach vier, fünf gespielten Turnieren in ein Grand Slam zu gehen. Aber das war eben nicht der Fall.

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