Borussia Mönchengladbach : Kontinuität im Misserfolg

Bei Borussia Mönchengladbach nimmt nach vier Niederlagen hintereinander die Unruhe gewaltig zu. Trainer Michael Frontzeck sitzt am Freitag noch auf der Bank - und danach?

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Borussia macht den Bückling. Marco Reus nimmt die passende Haltung zu Gladbachs aktueller Situation ein.
Borussia macht den Bückling. Marco Reus nimmt die passende Haltung zu Gladbachs aktueller Situation ein.Foto: dapd

Berlin - Man kann das Auftreten von Michael Frontzeck in diesen Tagen, wie so vieles im Leben, auf zwei völlig unterschiedliche Arten deuten. Wer dem Trainer von Borussia Mönchengladbach noch einigermaßen wohlgesinnt ist, wird erfreut feststellen, dass er seinen Humor trotz misslicher Lage noch nicht gänzlich verloren hat. Seine Kritiker hingegen werden Frontzecks Flucht in den Sarkasmus als Zeichen für das nahende Ende seiner Amtszeit werten. Am Sonntag nach der 0:3-Niederlage in Freiburg, der vierten hintereinander, wurde Frontzeck gefragt, wen er denn zum Hinrundenabschluss in der Abwehr aufzubieten gedenke. Die Innenverteidiger Dante und Anderson sind verletzt, Roel Brouwers seit Sonntag auch wieder (Gehirnerschütterung sowie Außenband- und Kapselriss), und Tobias Levels fällt wegen seiner fünften Gelben Karte aus. Wer bleibt da überhaupt noch? „Vielleicht Berti Vogts“, sagte Frontzeck.

Vogts, Borussias Rekordspieler, ist bei seinem früheren Klub im Moment nicht besonders beliebt. Er hat sich in der vorigen Woche – wie immer eigentlich, wenn die Borussia kriselt – besorgt zu Wort gemeldet, bei dieser Gelegenheit den Trainer kritisiert, Sportdirektor Max Eberl Flucht aus der Verantwortung vorgeworfen, die Klubführung der Vetternwirtschaft bezichtigt, zugleich aber auch seine Hilfe angeboten. Warum also nicht auf dem Platz? Sehr viel dämlicher dürfte sich Borussias Abwehr selbst mit dem inzwischen fast 64-Jährigen kaum anstellen.

Die Bilanz des Tabellenletzten ist zum Weglaufen: Seit acht Spieltagen liegen die Gladbacher auf einem Abstiegsplatz, Borussia hat die schlechteste Defensive der Liga. Schon nach 16 Spieltagen hat die Mannschaft mehr Gegentore kassiert (45) als bei ihrem letzten Abstieg vor vier Jahren nach der kompletten Saison (44). In 47 Jahren Bundesliga standen nur acht Klubs nach 16 Spieltagen noch schlechter da – alle acht sind später abgestiegen.

Aus Protest gegen die bisherigen Leistungen haben Borussias Fans in Freiburg 90 Minuten lang geschwiegen, die Klubführung versucht mit aller Macht, Ruhe zu bewahren – von außen aber entsteht immer mehr der Eindruck, dass bei der Borussia langsam Totenstille einkehrt.

„Es ist zurzeit einfach traurig, was wir auf dem Platz anbieten“, sagt Tobias Levels. Dabei hat die Mannschaft auch in Freiburg anfangs ordentlich gespielt und sogar zwei Chancen zur Führung gehabt. Im Moment aber ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Gladbacher durch einen individuellen Fehler in Rückstand geraten und sich anschließend ihrem Schicksal ergeben. Das Team besitzt – neben qualitativen Mängeln auf den Außenpositionen – einen gefährlichen Hang zur Melancholie. Kapitän Filip Daems hatte nach dem Tor der Freiburger zum 3:0 das Gefühl, „dass wir keinen Ball mehr berühren“.

Die Bilanz des Schreckens macht es Sportdirektor Eberl zunehmend schwieriger, sein Konzept der Kontinuität durchzuziehen. Für Michael Frontzeck ist darin immer noch eine Schlüsselrolle vorgesehen; deshalb blieb er vor einem Jahr wider Erwarten im Amt, obwohl er zwischendurch sechs Spiele hintereinander verloren hatte. In diesem Jahr fällt Frontzecks Leistungsnachweis noch dürftiger aus. Die einzige Kontinuität der Gladbacher ist der Misserfolg. „Ich weiß nicht, was wir in dieser Hinrunde verbrochen haben“, sagt Frontzeck. Am Freitag, im Heimspiel gegen den Hamburger SV, darf er auf jeden Fall noch auf der Bank sitzen. Was danach passiert? „Die Mannschaft steht voll hinter Michael Frontzeck“, sagt Kapitän Daems, „da kann man jeden Einzelnen fragen.“ Aber die Mannschaft ist dem Trainer im Moment alles andere als eine Hilfe.

„Es ist klar, dass es jetzt unruhig wird im Umfeld“, sagt Sportdirektor Eberl. Das ist es längst. In der vorigen Woche meldete sich plötzlich eine ominöse „Initiative Borussia“ zu Wort, die für eine tiefgreifende Satzungsänderung kämpft, weil der Klub wie ein Kaninchenzüchterverein geführt werde. Wie es um die Seriosität der Initiative bestellt ist, zeigt ihr Vorhaben, Klaus Allofs als Geschäftsführer zur Borussia zu holen. Mehr Populismus geht kaum. Pikant wird die Angelegenheit jedoch dadurch, dass einer der Initiatoren Aufsichtsrat von Borussias Hauptsponsor ist.

Auch die Ehemaligen wie Berti Vogts oder Stefan Effenberg melden sich nun wieder verstärkt zu Wort. Eberl warf Vogts vor, „seinen Verein öffentlich zu diskreditieren und sich hinten heraus für einen Job anzubieten“. Das wiederum hat Günter Netzer über alle Maßen erzürnt. Borussias Legenden fetzen sich inzwischen öffentlichkeitswirksam über die Medien. Rainer Bonhof, Mitglied in Borussias Präsidium, und Netzer lieferten sich am Sonntag im Fernsehen ein hitziges Wortgefecht. Als Bonhof einen von Netzers Beiträgen mit einem schlichten „Blödsinn“ abtat, empfand der einstige King vom Bökelberg das offenbar als Majestätsbeleidigung und hielt Borussias Führung vor, es mangele ihr an Konzepten. Wie denn das Konzept aussehen müsse, wurde Netzer gefragt: „Das Konzept muss sein, dass es kontinuierlich nach oben geht.“

Dass die Gladbacher da noch nicht selbst drauf gekommen sind.

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