Sport : Borussia sucht Charakter

Warum das Mannschaftsgefüge in Dortmund so labil ist

Felix Meininghaus

Dortmund. Dortmunds Sportmanager Michael Zorc versuchte es so: „Diesen Vorfall sollte man nicht nur negativ interpretieren. Ich bin froh, dass Leben in der Mannschaft ist.“ Das war ein mutiger Erklärungsversuch für das, was sich in Dortmund ausgerechnet vor dem wichtigen Champions-League-Duell mit Real Madrid am Dienstag (20.45 Uhr/live bei Premiere) an Spannungen entladen hatte. Die Handgreiflichkeiten zwischen den Mannschaftskollegen Lehmann und Amoroso beim Revierderby gegen den FC Schalke 04 nichts als der nötige Kick zur Motivation?

Die umgehend verhängte Geldstrafe für Jens Lehmann spricht gegen Zorcs offizielle Version. Vielmehr machte das Revierderby deutlich, woran es den Dortmundern mangelt: an einem intakten Mannschaftsgefüge. Es fehlt ein Spieler, der unmissverständlich die Richtung vorgibt – und zwar nicht auf die Art und Weise eines Jens Lehmann. Nach dem Ausstieg von Jürgen Kohler ist im BVB-Team ein Führungsvakuum entstanden, das bislang nicht gefüllt werden konnte.

In der Führungsetage des Klubs haben sie das längst erkannt und suchen Abhilfe: In der Winterpause wurde Stefan Reuter als starker Mann ausgeguckt. Der 36-Jährige, so der Plan von Trainer Matthias Sammer, Manager Michael Meier und Michael Zorc, solle die Rolle des Leitwolfs stärker repräsentieren. Grundsätzlich wäre das in Ordnung, schließlich bezeichnet sich Reuter als Profi, der „gerne Verantwortung übernimmt“. Allerdings mit der Einschränkung, er wirke „lieber nach innen“.

Bliebe Sebastian Kehl, der zwar mehrfach Führungsansprüche formuliert hat, jedoch noch nicht in einem Alter ist, um diese durchzusetzen. Zudem hat er momentan keinen Stammplatz. Auch Kehls Nationalmannschaftskollegen Christoph Metzelder und Torsten Frings sind noch nicht in einem Karriereabschnitt, in dem sie tragende Funktionen übernehmen könnten. Und die beiden Tschechen Jan Koller und Tomasz Rosicky wären auf Grund ihrer Leistung zwar in der Lage, als Lokomotive aufzutreten, vermögen dies jedoch von ihrem Charakter her nicht: Viel zu ruhig, viel zu bescheiden.

Und so fehlt den Dortmundern derzeit spürbar der Effenberg-Faktor. Ein Umstand, der es verhindert, die Saisonziele zielgerichteter anzugehen. Zum Beispiel was den Problemfall Marcio Amoroso betrifft. Seit Monaten ist niemand in der Lage, den nachlässigen Stürmer in die Pflicht zu nehmen, was Lehmanns Ausraster erklärt. Seit Wochen hatte sich der Ärger über das schlampige Deckungsverhalten und die lässigen Ballverluste des kapriziösen Stars aufgestaut.

Mittlerweile hat sich Lehmann entschuldigt. Von weitergehenden disziplinarischen Maßnahmen hält Trainer Sammer wenig: „Ich will eine Erziehung ohne Geld und Schläge. Das halte ich auch bei meinen Kindern so.“ Reuter regte derweil an, Amoroso und Lehmann sollten den Zwist in einem Gespräch ausräumen. Das klingt sehr artig.

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